2. Dezember 2025

Südafrikanische Impressionen

30 Jahre haben die in den 1950er- und 1960er-Jahren aus rassischen Gründen vertriebenen Einwohner von „Protea Village“ in Kapstadt auf die Rückgabe ihres Landes gewartet. Sie sind die Nachkommen ehemaliger Sklaven. Nun ist es soweit. 

Im «Protea Village» im Bezirk «Bishopscourt» in Kapstadt sind die Bagger auf einem weitläufigen, vom Fluss Liesbeek durchzogenen Gelände aufgefahren. Es ist eine grüne Oase in diesem dicht bebauten, fast ausschliesslich von wohlhabenden weissen Familien bewohnten Gebiet. Das war nicht immer so. Bis in die späten 1950er-Jahre lebten hier die Nachfahren ehemaliger Sklaven, die sich nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 hier angesiedelt hatten. Dann wurden sie ab 1957 vom rassistischen Apartheid-Regime binnen eines Jahrzehnts nach und nach vertrieben. Es musste sich wie die Vertreibung aus dem Paradies angefühlt haben. Die Wohnhäuser wurden bis auf ganz wenige Ausnahmen niedergerissen. Verschont wurde die Kirche. Sie wurde über Jahrzehnte zum Bindeglied der in alle Winde verstreuten Dorfgemeinschaft.

Der «Group Areas Act» von 1957 legalisierte mit dem Argument auch räumlich strikter «Rassentrennung» diese erzwungene Umsiedlung. Es war eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Apartheid. Überbaut wurde das Gelände damals nicht. Das ändert sich nun, drei Generationen später. 86 Familien kehren nach und nach zurück in eine noch zu bauende Reihenhaussiedlung. Weitere 46 Familien liessen sich finanziell entschädigen. Sie nehmen damit ein nach dem Ende der Apartheid 1994 in der Verfassung garantiertes Recht in Anspruch. Es verspricht eine Rückgabe von Land, dass aufgrund rassistischer Gesetze enteignet worden war, oder eine finanzielle Wiedergutmachung. Es war ein Akt der Gerechtigkeit. Doch es war ein Kraftakt. Die Rassisten hatten kaum Spuren hinterlassen. Die Beweisführung lief fast ausschliesslich auf Basis von mündlichen Quellen, den Erinnerungen der ehemaligen Bewohner von Protea Village. 2006 war es im Rahmen eines Vergleichs soweit. 43 Prozent des ursprünglich beanspruchten Landes wurden an die Dorgemeinschaft überschrieben. 2011 wurde eine Einsprache von Anwohnern abgewiesen, die das Areal unter Naturschutz stellen wollten. Doch nun wurd eine schwerfällige Verwaltungsmaschinerie in Gang gesetzt, parallel dazu lief die Planung für ein Grossprojekt. Alleine die Umweltverträglichkeitsprüfungen dauerten mehrere Jahre. Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer werden nur ein knappes Drittel des 12,3 Hektaren umfassenden Geländes für ihre Wohnzwecke beanspruchen. Einen weiteren, etwas grösseren Teil haben sie als Bauland ausgewiesen. Es wird für sehr gutes Geld – die Bodenpreise sind rekordhoch – an Wohlhabende verkauft wird. Damit finanzieren sie im Wesentlichen ihre eigene Reihenhaussiedlung. Es sind auf den Visualisierungen hübsch anzusehende, weiss gestrichene Kuben. Der Rest, rund ein Drittel der Fläche, wird teilweise renaturiert und für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.
Ich hätte gerne mit den Familien gesprochen, sie gebeten, mir ihre Geschichte zu erzählen, sie gefragt, wie sich diese Rückkehr – es ist ja eigentlich die Rückkehr der Enkel-Generation – für sie anfühlt. Die mündliche Zusage war da. Dann hiess es, man bitte um Geduld, und die Menschen seien müde, immer dieselbe Geschichte erzählen zu müssen.
Ich sitze auf der Wartebank, mit der Frage im Kopf, wie Gerechtigkeit in einem Land geschaffen wird, in dem mit Methoden des «Racial Engineering» eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft aufgebaut werden sollte, in der «weiss» ganz oben und «schwarz» ganz unten stand.

Ein Teil des Geländes wird renaturiert.

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