„Die Waffen nieder! – sag’s vielen – vielen!“

Bertha von Suttner (1843 – 1914)
„Die Waffen nieder! – sag’s vielen – vielen!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich die 71-jährige Bertha von Suttner auf ihrem Sterbebett von der Welt. Der Friedensaktivist Alfred Hermann Fried hat sie aufgezeichnet. In seinem Nachruf schreibt er, ihr sei es gelungen, «eine geistige Sphäre zu schaffen», in der aus einer Utopie eine «mächtige Weltbewegung» geworden sei: die Friedensbewegung.
„Die Waffen nieder!“ war der Titel ihres autobiographisch gefärbten Romans, der Bertha von Suttner 1889 schlagartig bekannt gemacht hatte. Das Buch traf einen Nerv einer von Krisen und Kriegen geprägten Zeit. Die Erzählfigur, die adlige Martha Althaus, wandelt sich, geprägt durch eigene, sehr drastisch geschilderte Erfahrungen des Schreckens des Krieges, von der passiven Beobachterin zur engagierten Gegnerin. Als Frau verweigert sie sich damit dem Patriarchat, das dem weiblichen Geschlecht eine duldende, helfende Rolle zuweist, im Übrigen aber Krieg und Frieden als Männersache erachtet. Als Aktivistin fordert sie einen Staat heraus, der Krieg nicht nur als legitimes Mittel der Konfliktlösung erachtet, sondern diesen auch noch mit gewaltigem Pathos überhöht. Man denke nur an den bis heute an Neujahrskonzerten gerne gespielten Radetzky-Marsch, mit dem 1848 ein Sieg im Krieg gegen eine italienische Armee gefeiert worden war.
Von Suttner beschränkte sich in ihrem pazifistischen Roman nicht darauf, das Klagelied auf die Verheerungen des Krieges anzustimmen. Ihre Heldin sieht in Schiedsgerichten, Abrüstung und internationaler Verständigung den Schlüssel für gewaltfreie Konfliktlösungen. So beschreibt sie eine Pariser Friedenskonferenz als „noch nie dagewesenes Ereignis“, an dem die Delegierten „die Einsetzung eines Zustandes der Gerechtigkeit und Gesetzlichkeit an Stelle des Gewaltzustandes“ beschlossen hätten. Als Aktivistin wird sie den Rest ihres Lebens dafür Lobbyarbeit leisten. «Die Waffen nieder!» wurde in 16 Sprachen übersetzt. Die britische Germanistin Barbara Burns, die das Buch in englischer Sprache neu aufgelegt hat, sieht in dieser enormen Verbreitung das grosse Vermächtnis von Suttners. Denn sie habe damit ein breites Publikum aus der Mittelschicht sensibilisiert und ermächtigt, das Schicksal von Nationen und der Welt nicht einfach den Herrschenden zu überlassen.
Mit dem Roman begann das zweite Leben einer Frau aus dem Hochadel des Habsburgerreiches, die durch eine harte Schule aus Abweisung und Abwertung gegangen war. Gleich zwei vermeintliche Traumprinzen liessen sie, weil sie von niederem Stande war, sitzen. Ihre Mutter war aus demselben Grund nach dem Tod des Vaters mit einer Abfindung aus der Familie der Schwiegereltern verstossen worden. Sie verspielte das verbliebene Geld in den Casinos europäischer Kurorte. Auf deren Heiratsmärkten löste sich auch Berthas Traum eines Lebens an der Seite eines Mannes aus hohem Hause in Luft auf. Nun war sie auf sich alleine gestellt. Sie war begabt, beherrschte vier Sprachen, und sie war selbstbewusst genug, das Heft in die eigene Hand zu nehmen. So fand sie 1873 mit 30 Jahren eine Stellung als Gouvernante und Lehrerin bei der Familie von Suttner. Sie betreute in einem Märchenschloss vier Mädchen im Teenageralter. Nach und nach hatte sie nur noch Augen für den jüngsten der drei Söhne, den 23-jährigen Arthur Gundaccar von Suttner – und er für sie. Und nochmals machte der Standesdünkel einen Strich durch die Rechnung zweier Liebender. Arthurs Mutter komplimentierte sie aus dem Haus und drückte ihr ein Stelleninserat in die Hand. Sie sollte weit weg. Ein gewisser Alfred Nobel suchte eine Privatsekretärin in Paris. Er war einer der reichsten Männer Europas. Sein Geld verdiente er mit einem Sprengstoff, der die Welt veränderte: Dynamit. Entwickelt für friedliche Zwecke in Minen, Steinbrüchen und auf Baustellen, hatten die Militärs die gewaltige Sprengkraft des im Dynamit enthaltenen Nitroglyzerins schon bald für ihre Zwecke entdeckt. Nobel war sich dessen sehr bewusst. Es wurde sein unerfüllter Lebenstraum, eine Waffe zu entwickeln, die so schrecklich war, dass keine Armee der Welt es wagen würde, sie einzusetzen, aus Angst, sie könnte auch gegen sie gerichtet werden. Mitte des 20. Jahrhunderts sollte im Zeitalter der Atombombe dieses bis heute sehr prekäre Gleichgewicht des Schreckens Wirklichkeit werden. Der ewige Friede lässt weiter auf sich warten. Bertha von Suttner traf 1876 auf einen belesenen, kultivierten und nachdenklichen Alfred Nobel. «Mit ihm über Welt und Menschen, über Kunst und Leben, über die Probleme von Zeit und Ewigkeit zu reden, war ein geistiger Hochgenuß», schreibt sie in ihren Memoiren. Nobels Avancen wies sie ab. Sie blieben bis an sein Lebensende freundschaftlich verbunden. Denn beide liess die Frage, wie Kriege abgeschafft werden könnten, nicht mehr los.
Bertha von Suttner blieb nur ein paar Tage bei Nobel. Ihr Liebeskummer war gross. Jener von Arthur auch. Eine Depesche aus Wien erreichte sie. Sie war von Arthur. «Kann ohne dich nicht leben.» Von Suttner verkaufte einen wertvollen Diamanten, hinterliess eine Nachricht an Nobel, der im Ausland weilte, zahlte die Hotelrechnung und reiste zu Arthur. Sie heirateten heimlich und blieben zeitlebens zusammen. Das Paar, Arthur galt nun seinerseits in seiner Familie als Verstossener, folgte dem Ruf einer georgischen Prinzessin und zog für neun Jahre nach Georgien. Sie liess die beiden nie ganz im Stich. Und doch mussten sie sich ein eigenes Leben aufbauen. Arthur spielte auf vielen Bühnen und schaffte sich einen Namen als – ungelernter – Architekt. Auch als Journalist tat er sich hervor. Bertha, die gerne Dichterin geworden, begann selber journalistische und essayistische Texte zu schreiben. Sie kamen in der Wiener Presse gut an.
1887, sie hatte eben ihr Buch „Das Maschinenzeitalter“ beendet, erzählt ihr ein Freund von der „International Peace and Arbitration Association“ in London, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein internationales Schiedsgericht zu schaffen, das bei zwischenstaatlichen Konflikten angerufen werden könnte, um Kriege zu vermeiden. Sie ist begeistert und beschliesst, der „Friedensliga einen Dienst“ zu leisten, wie sie in ihren Memoiren schreibt. Es sollte ein Buch sein, in der Form eines Romanes, weil damit nicht nur „abstrakte Verstandesgründe“, sondern auch das, „was ich fühlte – leidenschaftlich fühlte“, dargestellt werden könnte. Sie recherchierte mehrere Monate, stöberte in Archiven, liess sich von Betroffenen Kriegserlebnisse erzählen und studierte die Berichte von Militärärzten und Kriegskorrespondenten. „Während dieser Studienzeit wuchs mein Abscheu vor dem Kriege bis zur schmerzlichsten Intensität heran.“ Das kommt bei den Zeitungsredaktionen, denen sie einen Abdruck anbietet, nicht gut an. Es sei „ganz ausgeschlossen, dass der Roman in einem Militärstaat veröffentlicht wird“, heisst es in einer Absage. So beschliesst sie die Veröffentlichung in Buchform. Ihr Verleger befürchtet rechtliche Konsequenzen. Er rät ihr, den Text „einem Staatsmann“ zur Begutachtung vorzulegen, um alles „Anstössige“ zu streichen. Von Suttner ist empört. Ihre Arbeit sei „heiss empfunden und rückhaltlos aufrichtig“. Sie lasse sich diese nicht „auf diplomatisch-opportunistische Weise“ zurechtstutzen, nur um „der verächtlichsten aller Künste – nämlich der Kunst, es allen recht zu machen“, gerecht zu werden. Sie setzt sich durch. Das Buch erscheint und wird ein Welterfolg. Alfred Nobel schreibt ihr am 1. April 1890: „Wie lange haben Sie gebraucht, um dieses Wunderwerk zu verfassen? Das werden Sie mir sagen, wenn ich die Ehre und das Glück habe, Ihnen die Hand zu schütteln – diese Hand einer Amazone, die so tapfer gegen den Krieg kämpft. Sie haben jedoch Unrecht, wenn Sie „Weg mit den Waffen“ rufen, da Sie selbst davon Gebrauch machen und da Ihre Waffen – der Charme Ihres Stils und die Größe Ihrer Ideen – weit mehr bewirken als die Lébel, Nordenfelt, de Bange und alle anderen Werkzeuge der Hölle (gemeint sind damit Waffensysteme der damaligen Zeit, der Autor).“
Bertha von Suttner hat ihre Berufung gefunden. Sie wird zur Aktivistin für die Sache des Friedens – und zu einer der wichtigen Stimmen der Friedensbewegung. Diese sucht, ganz anders als im späten 20. Jahrhundert, den Weg durch die Institutionen. Von Suttner tritt als Rednerin auf internationalen Friedenskongressen auf, sie ist Mitbegründerin der österreichischen und deutschen Friedensgesellschaften, und die leidenschaftliche Briefeschreiberin steht im vielsprachigen Kontakt mit Politikern, Staatsmännern, Denkern und Aktivisten – es sind fast ausschliesslich Männer. Diese Überzeugungsarbeit trägt Früchte. An den Haager Friedenskonferenzen der Jahre 1899 und 1907 werden Anliegen der Friedensbewegung, namentlich die Einsetzung eines internationalen Schiedsgerichtes, aufgegriffen und umgesetzt. Das Kernanliegen Abrüstung bleibt bis auf das Verbot einiger besonders tödlicher Waffen unberührt. Niemand ist ernsthaft dazu bereit.
Am 10. Dezember 1896 stirbt Alfred Nobel. Fast sein ganzes Vermögen vermacht er einem Fonds, aus dessen Erträgen jährlich Preise in verschiedenen Disziplinen verliehen werden sollen. Neben Chemie, Physik, Medizin sind das Literatur – und Frieden. Die Nobelpreise sind geboren. Den Gedanken, einen Friedenspreis zu vergeben, hatte er schon länger mit sich herumgetragen und mit Bertha von Suttner diskutiert. Er dachte an eine Auszeichnung, die im Vierjahres-Rhythmus verliehen werden sollte. Von Suttner entgegnete, das bringe der Friedensbewegung wenig. Denn es mangle am meisten an einem: Geld. Diesen Wunsch erfüllt Nobel auch in seinem Testament nicht. Aber er hinterlässt eine wichtige Botschaft, schreibt von Suttner: »Da hast du einen Stoff,« sprach der lebende Nobel zur Mitwelt, »mit dem du alles und dich selber vernichten kannst …,« der tote Nobel aber zwingt unseren Blick zu jenem Stern empor und spricht zur Nachwelt: »Veredle dich und du wirst glücklich sein.« Von Suttner wird als erste Frau 1905 mit dem Friedens-Nobelpreis geehrt. In ihrer Rede richtet sie, die unermüdliche Aktivistin, einen Appell an die Frauen: „Ihr denkenden, ihr arbeitenden, ihr solidarisch vereinten, ihr kämpfenden Frauen: stärket das Pazifistenheer!“
Bertha von Suttner war durch und durch eine Persönlichkeit des „langen 19. Jahrhunderts“, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm die Epoche der Zeit von der französischen Revolution 1789 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschrieb. Sie war von adeliger Herkunft und wandelte sich zur Vorkämpferin für den Frieden. Ihren Wurzeln blieb sie dennoch treu. Und vielleicht war das das einzige Versäumnis in ihrem reichen, aktivistischen Leben: Die Arbeiterklasse blieb ihr fremd. Man stelle sich die Wucht eines Schulterschlusses zwischen jenen, die die Waffen in den Fabriken herstellten, und der adelig-bürgerlichen Aktivistin vor.
Eine Woche nach ihrem Tod wird am 28. Juni 1914 das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar in Sarajevo ermordet. Nur einen Monat später versinken Europa und die halbe Welt im mörderischsten Krieg der Geschichte. Wie Schlafwandler hätten sich die Führer der Welt in diesen Ersten Weltkrieg treiben lassen, schreibt der Historiker Christopher Clark. Vergessen waren die Friedensdialoge, vergessen die Warnungen vor der mörderischen Gewalt der neuen Waffen, die zu einem Patt an den Fronten führten – und zum Massensterben einer ganzen Männer-Generation.
Bertha von Suttner hätte als eine von wenigen ihre Stimme auch im Ersten Weltkrieg erhoben und sich nicht von den Kriegstreibern auf allen Seiten vereinnahmen lassen. Ihre Themen bleiben so aktuell wie zu ihrer Zeit.












