
Lilly Amono wurde als Kind von der Lord Resistance Army im Norden Ugandas verschleppt. Zehntausende Kinder wurden in dem 20-jährigen Bürgerkrieg von 1986 bis 2006 versklavt. 2004 kamen sie und ihre Tochter frei. Sie schaffte den Schritt in ein neues, prekäres Leben. Ich bin ihr auf meiner Recherche in Uganda begegnet, wo ich der Frage nachgehe, wie Frieden und Gerechtigkeit erreicht werden können und wie eine Nachkriegsgesellschaft gestaltet wird, um diesen Frieden dauerhaft zu sichern, was in Uganda leider nur sehr beschränkt der Fall ist – auch wenn die Waffen seit zwei Jahrzehnten schweigen. Dafür steht die Geschichte von Lilly Amono.
Ein schönes Sommerkleid hat sich Lilly Amono ausgesucht. Der weisse Rock mit fröhlichen Blumenmustern in verschiedenen Farbtönen kontrastiert das lilafarbene Oberteil, an der Schulter ist der Stoff des Rockes nochmals schön drapiert. Viele ugandische Frauen mögen es bunt, an Sonntagen sieht man sie in allen Farben des Regenbogens gekleidet. Ihre Tochter Alaroker hat das Kleid vor zwei Jahren für die Beerdigung von Lillys Vater genäht. Sie hat das Nähen als junge Erwachsene in den Jahren ab 2019 wie ihre Mutter 13 Jahre zuvor in einem eineinhalbjährigen Kurs bei Terra Renaissance gelernt. Das japanische Hilfswerk bietet diese Trainings seit zwei Jahrzehnten in der Stadt Gulu im Norden des Landes an. Die einzige Bedingung: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind als Kinder oder Jugendliche im Bürgerkrieg, der im Norden Ugandas von 1986 bis 2006 tobte, von den Rebellen der Lord Resistance Army verschleppt worden, um sie zu versklaven. Als Kindersoldaten, Lastenträger, Hausdienerinnen und Zwangsverheiratete wurden sie missbraucht – die Mädchen auch sexuell. Lilly Amono war als 12- oder 13-Jährige – genau weiss sie ihr Alter nicht – 1992 von der LRA verschleppt worden. Sie wurde zur Sklavin im Camp von Onen Daktar, einem Kommandanten der LRA. Dort wurden auch Verwundete behandelt. Daktar war selbst verschleppt worden. Lilly Amono weiss nicht, wie alt er da war, so wie sie auch sein Alter nicht kennt. Er galt innerhalb der LRA als höchstrangiger Sanitäter. Mit ihrer ersten Menstruation befahl Daktar sie in sein Haus und zwang sie in einer perversen Umdeutung christlicher Wertvorstellungen – Joseph Kony, der Führer der LRA, sah sich direkt vom Heiligen Geist geleitet – , seine Frau zu werden. Sie war nicht die einzige. Alleine Joseph Kony soll mit mehr als 50 Frauen «verheiratet» gewesen sein. So wurde sie über Jahre von einem mutmasslichen Massenmörder vergewaltigt. Ihre Tochter gebar sie 1999. Onen Daktar starb später auf dem Schlachtfeld. Als die fünfjährige Alaroker 2004 im Süd-Sudan, wohin die LRA vor Teile ihrer Einheiten verlegt hatte, von der Armee befreit wurde, floh sie kurz darauf mit einer Schusswunde am Bein. Sie entging ihren Häschern, die sie, so war es bei der LRA üblich, ermordet hätten. Ihre Tochter fand sie in einem Kriegsgefangenlager der süd-sudanesischen Armee wieder. Kurz darauf wurden sie nach Uganda ausgeflogen. Lilly Amono baute sich ein neues Leben auf.
Die Stimmung im Nähatelier von Terra Renaissance ist aufgeräumt. Vier Frauen arbeiten an Taschen in verschiedenen Grössen, Buchzeichen und kleinen Stofftieren. Sie kommen auf Abruf zur Arbeit. Lilly vernäht gerade ein Buchzeichen, das später in Japan verkauft wird, um etwas Geld in die Kasse von Terra Renaissance zu spülen – und in jene der ehemaligen Absolventinnen. Sie ist froh um diesen Job. Denn ihr Alltag ist ein steter Überlebenskampf. Eine andere Näherei engagiert sie bei Bedarf, um Taschen zu nähen. Für die grösseren Taschen erhält sie 5000 ugandische Schilling, etwas mehr als einen Franken. Dafür arbeitet sie einen ganzen Tag. Daneben bewirtschaftet sie noch einen Acker, den sie gepachtet hat. Er ist ungefähr halb so gross wie ein Fussballfeld. Die Hälfte der Ernte, es sind vor allem Mais und Bohnen, dient dem Eigenbedarf, den Rest verkauft sie am Markt. Damit kommt sie ganz knapp über die Runden. Das grösste Problem ist das unregelmässige Einkommen aus ihren zwei Nebenjobs. Sie weiss nie, wann es Arbeit gibt. Und sie muss jeden Tag darauf achten, was Bezahlbares auf den Tisch kommt. Es ist vor allem Gemüse vom Markt, ergänzt durch Mais oder Bohnen vom eigenen Acker. Mehr ist nicht drin.
Lilly lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn und der sechsjährigen Enkeltochter in einer kreisrunden Lehmhütte mit einem kegeligen Dach aus getrocknetem Steppengras. Sie hat die Hütte gemietet. Der Sohn stammt aus einer Beziehung mit einem Mann, von dem sie sich getrennt hat, das Enkelkind von ihrer Tochter. Ihr Partner weigerte sich, das Kind, das nicht von ihm stammt, aufzunehmen. Und nun werden schon bald zwei weitere Familienmitglieder am Tisch sitzen. Alaroker hat mit ihrem Partner ein Kind. Doch die Freude wurde rasch getrübt. Die beiden sind, ohne dass sie es wussten, Cousine und Cousin. Alarokers verstorbener Vater und der Vater ihres Partners sind Brüder. Der Bürgerkrieg zerriss viele Familien, gerade, wenn Kinder verschleppt wurden. In Uganda gilt eine Beziehung mit diesem Verwandschaftsgrad als Inzest. Es bleibt nur die Trennung des Paares. Lilly Akolo hat ihrer Tochter angeboten, sie aufzunehmen, auch wenn sie noch nicht weiss, wie sie über die Runden kommen wollen. Irgendwie, das hat sie das Leben gelehrt, wird es möglich sein. Alaroker ist verzweifelt. Sie hat ihrer Mutter schon ein Kind zugemutet, und jetzt noch ein zweites, und sie dazu. Eine Wahl hat sie nicht.
Es ist unmöglich, genauere Zahlen zu den verschleppten Kindern und Jugendlichen zu eruieren. Der Internationale Strafgerichtshof ICC in Den Haag hat 49 772 Opfern eine Entschädigung von je 750 Euro versprochen, gespiesen aus einem Fonds, in den bislang noch kein Staat einbezahlt hat. Es gibt Schätzungen, die von bis zu 70’000 Betroffenen ausgehen. Darin sind die von LRA-Rebellen mit verschleppten jungen Frauen gezeugten Kinder noch gar nicht berücksichtigt. Es sind um die 10’000.
Lilly Amona ist im Dorf Atiak 71 Kilometer nördlich von Gulu aufgewachsen. Sie war das älteste von drei Geschwistern. Ihre Mutter starb, da war sie acht Jahre. Ihr Vater heiratete wieder. Doch die Stiefmutter akzeptierte seine Kinder nicht. So kamen sie zur Grossmutter, wo Lilly zur wichtigsten Bezugsperson für ihre Geschwister wurde. Ihr Bruder wich zu keinem Zeitpunkt von ihrer Seite. Sie trug ihn manchmal den ganzen Tag, bis er in den Haushalt einer Tante geschickt wurde. Als der Bürgerkrieg ausbrach, war Lilly in der vierten Klasse. Seither hat sie keine Schule mehr besucht. Ihre Geschwister haben den Krieg überlebt. Der Bruder schaffte es bis auf die mit einem Gymnasium vergleichbare High School. Ihre kleine Schwester wusste gar nicht, dass sie eine grosse Schwester hat, als sie sich wieder begegneten. Sie stehen bis heute im Kontakt.
Lilly Amona wäre nach ihrer Flucht aus den Fängen der LRA gerne nach Atiak zurückgekehrt. Sie meldete Anspruch auf ein Stück Land aus einer Erbmasse an. Im überwiegend katholischen Uganda wird das Erbe gleichteilig auf die Nachkommen verteilt. Doch ihre Angehörigen wollten nichts davon wissen. Das ist ist die Hauptursache vieler Landkonflikte. Eine Rolle spielen unklare Besitzverhältnisse, weil grosse Familienclans, die ihrerseits grosse Flächen kontrollieren, ein Wort mitreden wollen. Für viele Männer in Uganda spielen Frauen nur die zweite Geige, vor allem dann, wenn es aus ihrer Sicht darauf ankommt, nehmen sie sich das grösste Stück. Als Alleinerziehende hatte sie in einer Gemeinschaft, in der Frauen dem Mann untergeordnet sind, sowieso einen schweren Stand. Am schlimmsten waren für Lilly Amona die im Dorf kursierenden Gerüchte, Onen Daktar könnte an einem der schlimmsten Massaker der LRA beteiligt gewesen sein. Am 20. April 1995 überfielen 250 LRA-Rebellen der Brigade «Control Alter» Atiak und massakrierten 300 Männer und Jungen. Daktar Frauen und Mädchen mussten zusehen. Daktar war ein Mitglied dieser Einheit. Lilly Amono sagt, sie wisse nicht, ob er tatsächlich beteiligt gewesen sei. Sie sei zu diesem Zeitpunkt nicht im Camp gewesen. So zog sie in die Anonymität Gulus.
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