Autor: Martin Arnold
20. März 2026

Costa Rica und die University for peace: Der perfekte Ort, um über Frieden nachzudenken

Es ist ein inspirierender, entspannender Ort, der sich hier auf einer riesigen Lichtung zwischen Kaffeepflanzungen befindet. Und selbst für viele Costa-Ricaner ist es ein unbekannter Ort: die University for peace (UPEACE), die hier etwa 150 Studierende in Friedensfragen ausbildet. Unter der UNO-Flagge können Studentinnen aus der ganzen Welt unweit von Colon, einer Kleinstadt, etwa 30 Kilometer nordwestlich von San José ihre Bachelor- und Masterkurse für Friedens- und Konfliktforschung, für Umwelt und Entwicklung und für Völkerrecht besuchen, aber die Vorlesungen sind auch im Rahmen von Weiterbildungen offen.

Als Grundlage für die Universität diente die Schenkung eines Landstücks von 303 Hektaren nahe des ländlichen, hügeligen Weilers Rodeo an die UNO. Die Legitimation ist eine entsprechende, von 41 Ländern unterzeichnete UNO-Charta. Deutschsprachigen Länder sind nicht darunter. Die Universität hat einen ständigen Sitz mit Beobachterstatus an der UN-Generalversammlung. Zwischen 1991 und 1993 absolvierten hier die ersten Studentinnen und Studenten ihren Masterkurs. Die Lernräume, Kantine und übrige Infrastruktur haben einen familiären Charakter und nichts von dem, was sonstige Universitäten ausmacht. Das Klima ist mild und die Luft von bester Qualität. Ideal, um sich Gedanken zum Thema Frieden zu machen. Es hat übrigens einen triftigen Grund, warum diese Friedensuniversität in Costa Rica liegt. Das Land besitzt seit über 70 Jahren keine Armee.

Die Gebäude entsprechen dem Inhalt des Lehrstoffes: kein Protz, keine Eindruckschinderei, aber Ernsthaftigkeit und ein ruhiges Lernklima.
Die Gebäude entsprechen dem Inhalt des Lehrstoffes: kein Protz, keine Eindruckschinderei, aber Ernsthaftigkeit und ein ruhiges Lernklima.
17. März 2026

Kolumbien: Das Fahrrad ist noch nicht umgefallen

Kolumbien ist ein konfliktreiches Land mit einer langen Bürgerkriegstradition. Dabei spielen Grossgrundbesitzer, linke und rechte Guerillagruppen, eine Armee, die von Menschenrechten nicht viel hält und Drogenmafia-Clans eine unsägliche Rolle. Gemeinsam haben sie es über Jahrzehnte geschafft, das Land zu spalten. Leider verkauft sich die Drogenmafia bei der Bevölkerung am Besten, sodass grausame Drogenbosse auch noch einen Heldenstatus geniessen.

Oft wachsen auf dem kargsten Boden die schönsten Blumen. Kolumbien ist voll von bewunderungswürdigen Menschen, die sich für den Frieden engagieren, voll von einsichtigen ehemaligen Kämpfern, voll von Leuten, die das Land friedlicher machen wollen und vorwärts bringen möchten. Kein Frieden ohne Gerechtigkeit und der Gerechtigkeit stehen entgegen der landläufigen Meinung, die von zu milden Strafen gegen ehemaligen Kämpfern spricht, viel mehr die alteingesessen, reichen Familien im Wege, die ihre Privilegien geraubtem Land verdanken und von ihrem unrechtmässigen Besitz nichts abgeben wollen. Denn natürlich: Das alles ist längst legalisiert und die Ungerechtigkeit quasi in Landtiteln verschriftlicht worden. Das Friedensabkommen mit der FARC, der grössten Guerilla des Landes hätte ab 2015 viele gesellschaftliche Verbesserungen auch bei der Landfrage bringen sollen. Diese Verbesserungen werden nur schleppend umgesetzt und wenn gerade eine konservative Regierung an der Macht ist, wird der Prozess jeweils ganz ausgesetzt. Dennoch: Das Fahrrad ist noch nicht umgefallen. Es bewegt sich  ganz langsam in die richtige Richtung und seit dem Durchbruch von Havanna 2015 ist an vielen Tischen mit vielen Gruppen verhandelt worden – oft mit einem positiven Ergebnis. Dass es in Kolumbien immer zwei Schritte vorwärts geht und einen zurück, daran sind sich die Menschen längst gewöhnt. Der folgende Beitrag zeigt, dass die Entwicklung in Kolumbien viele Grautöne aufweist und sich mit schwarz und weiss nur ungenügend beschreiben lässt.

4. Dezember 2025

Wer Frieden hat, spricht nicht darüber

Bahnanenplantage

Costa Rica war für Jugendliche, die im Kalten Krieg aufgewachsen sind, immer die beste Ausgabe einer Bananenrepublik oder vielmehr: Viele kamen sich vor, also würden sie selber in einer Bananenrepublik leben, wenn sie ihr Heimatland mit dem mittelamerikanischen Staat verglichen.

Fakt ist: Costa Rica ist mit einem Weltmarktanteil von über 10 Prozent der zweitgrösste Bananenexporteur. Fakt ist auch: Costa Rica kann sich seit 76 Jahren gegen keine kriegerischen Angriffe militärisch verteidigen. Die Armee wurde 1949 abgeschafft. Kein Wunder: Wer sich Costa Ricas Flagge genau anschaut, erkennt darin eine doppelte französische Fahne. Eine Hommage an die französische Revolution deren bürgerliche Werte bis heute nachhallen. Bereits in der ersten Verfassung 1824 wurde das Recht und die Pflicht auf Schulbildung festgeschrieben. In der Schweiz war dies 50 Jahre später der Fall. Das Geld, das durch die Abschaffung der Armee eingespart wird, kommt seither vollumfänglich der Bildung und dem Gesundheitswesen zu. Mit acht Prozent vom Bruttoinlandprodukt gibt Costa Rica im weltweiten Vergleich viel Geld für Bildung aus. Das Land mit mehr als fünf Millionen Einwohnern steht mit einer Alphabetisierungsrate von 98 Prozent deutlich besser da als etwa die USA. Die Menschen haben eine hohe Lebenserwartung und sind glücklich. Dies belegt der vom Gallup-Institut regelmässig erhobene World Happiness Report. Covid 19 hat hier weit weniger Schaden angerichtet als in den Nachbarländern, weil das Land ein gut funktionierendes Gesundheitssystem hat.

Doch zurück zum Thema Land ohne Armee und was eine Neutralität dann bedeutet.

«Frieden bedeutet nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern deren gewaltfreie Lösung. Drohungen und Gewalt zu verwenden, um „den Frieden zu wahren“ ist weit davon entfernt, ein echter Friedenszustand zu sein. Einerseits ist eine Drohung nur effektiv, solange sie die andere Partei abschreckt – und der sogenannte Frieden endet in der Minute, in der diese Abschreckung nicht länger glaubwürdig ist. Andererseits ist das Fehlen von offensichtlicher Gewalt nicht notwendig Frieden, wenn es Spannungen gibt. Gewalt besteht fort, solange Menschen unter einer konstanten Drohung oder Angst leben. Wie könnte es also mit einer militärischen Struktur anders sein, wenn deren bloßer Daseinszweck darin besteht, dauerhaft Stärke zu zeigen? Obwohl die Demilitarisierung viele Herausforderungen mit sich bringt, macht es einen enormen Unterschied für den Kurs aus, den das Land über die folgenden Jahrzehnte hinweg eingeschlagen hat. Costa Rica ist lebender Beweis dafür, dass Sicherheit nicht notwendigerweise durch Militär gewährleistet wird. Wenn wir einmal darüber nachdenken, wie viele Konflikte durch Militarismus erst entstanden sind und fortgesetzt wurden, ist das Militär nicht wirklich eine schützende Kraft vor Bedrohungen, sondern könnte wahrscheinlich eher selbst eine Bedrohung sein», schrieb Carlos Umaña, Arzt, Künstler und weltweiter Aktivist im Kampf gegen Atomwaffen. Er sagt auch: «Zivilisiertheit und Rechtsstaatlichkeit werden immer wichtiger in einer Welt, die sich immer weiter miteinander vernetzt und wo Herrschaft durch Gewalt immer irrelevanter wird. Der Fortschritt der Menschheit liegt in Bildung, Kooperation und Gleichberechtigung. Wenn wir unsere zwei existenziellen und menschengemachten Bedrohungen überleben wollen – Klimawandel und Atomwaffen – ist es notwendig, dass wir Frieden ernstnehmen und ihm eine Chance geben.» Das ist mehr als nur ein Friedensvotum im luftleeren Raum. Im Vergleich zur ambivalenten Neutralität der Schweiz oder Österreich, wo Waffenproduzenten für ihre Lieferungen kräftig lobbyieren und die Neutralität immer wieder ritzen. Waffenbesitz ist nicht verboten, aber die Produktion von Teilen, die zur Herstellung von chemischen, biologischen oder atomaren Waffen dienen sehr wohl. Und diesbezüglich ist Costa Rica streng und der oberste Gerichtshof streng.

Erforschung der Biodiversität in Costa Rica

Wie man als Land ohne Armee gut leben kann, belegen einige weitere Zahlen. Über 50 Prozent der 51’000 Quadratkilometer Landesfläche sind bewaldet, über 25 Prozent haben den hohen Schutzstatus von Nationalsparks. 95 des Stromes kommen aus erneuerbaren Quellen und ja, es gab auch ernsthafte Konflikte. Zum Beispiel Grenzstreitigkeiten mit dem Nachbarn Nicaragua. Sie wurden vor friedlich vor dem internationalen Gerichtshof zugunsten Costa Ricas gelöst.

Die Geschichte könnte hier enden, aber leise schleichen sich die internationalen Drogenclans ins Land, die Korruption verbreitet sich, Unsicherheit und Angst ebenso. Zeit also zu reflektieren, was alles gut gegangen ist, was für eine modellhafte Erfolgsgeschichte man geschrieben hat. Irrtum. Es wird nicht reflektiert, man findet kaum jemanden, der sich überlegt, was nun getan werden muss, um weiterhin auf dem richtigen Geleise zu fahren. Die Friedfertigkeit scheint derart in die DNA der Einwohner übergegangen zu sein, dass es an Wachsamkeit mangelt Deshalb ruft Luis Roberto Zamora Bolaños, Jurist, Strafrechtsanwalt, Vorstandsmitglied der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms und zur Zeit an der Universität Helsinki tätig, schon fast etwas verzweifelt aus: «Wir halten mit unserer Friedfertigkeit, unserem Land ohne Armee, einen grossen Schatz in der Hand. Die ganze Welt beneidet uns. Aber wir merken nicht, dass dieser Schatz wie ein Baum gegossen und gepflegt werden muss, damit er blüht.»

Natur statt Waffen: Inventarisierung von Schmetterlingen in Costa Rica

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