10. Dezember 2025

„Wir haben Gerechtigkeit geschaffen.“

Das lange Warten auf ein Gespräch mit einem Verantwortlichen von Protea Village hatte ein kurzes Ende – siehe Blogeintrag „Südafrikanische Impressionen.“ Zwei Whats App – Nachrichten, ein Terminvorschlag, und am nächsten Tag treffe ich vor dem Eingang eines Verkaufsbüros, in dem es um viele Millionen südafrikanische Rand geht, auf Kevin Maxwell. Die Begrüssung ist sehr freundlich.

Man spricht sich, wie es hier üblich ist, mit Vornamen an. Kevin betont gleich zu Beginn, er werde sich die Zeit nehmen, die es brauche, um meine Fragen zu beantworten. So ist das von mir wegen der langen Warterei und einigen unbeantworteten Anfragen befürchtete Eis gleich gebrochen. Der 62-jährige war bis 2024 Vorsitzender der „Protea Village Communal Property Association“, der gemeinschaftlichen Grundeigentümer-Vereinigung Protea Village. Er trat zurück, um Interessenskonflikte auszuschliessen, die hätten entstehen können, weil er in einem weiteren Gremium der Gemeinschaft Einsitz nahm. Mit dem sperrigen Begriff werden in Südafrika jene Gruppierungen erfasst, die Land, das ihnen vom Staat weggenommen wurde, zurückerhalten. Er steht in seiner komplizierten Formulierung auch für ein ausserordentliche komplexes, hindernisreiches Verfahren, das im Falle von Protea Village fast so lange dauerte wie das erzwungene Asyl. Das steht in einem sehr harten Kontrast zu den Federstrichen, mit denen ab den späten 1950er- bis in die frühen 1970er-Jahre über das Schicksal von über 200 Familien entschieden wurde, die hier seit fünf Generationen gesiedelt hatten. Sie wurden in alle Winde der neu entstandenen „Coloured Townships“ rund um Kapstadt verstreut. Die hübschen Steinhäuschen im Stil britischer Cottages wurden abgerissen, sämtliche Spuren, auch die amtlichen Dokumente, verwischt. Noch nicht einmal die Fundamente finden sich heute auf dem Areal, das nun, nach der Rückgabe, wieder überbaut wird. Erhalten geblieben sind nur drei der ehemaligen Wohnhäuser und die Kirche. Im mittleren Gebäude soll durch den Verkauf von Teilen des zurück gegebenen Land als Baugrund an Wohlhabende das Geld reinkommen, das für den teilweisen Wiederaufbau des zerstörten Dorfes gebraucht wird.
 
Kevin Maxwell kann sich an die Vertreibung nicht mehr erinnern. Er war vier Jahre alt, als die Familie abgeholt wurde. Wenn überhaupt, wurden die Betroffenen nur kurz vor ihrer Umsiedlung informiert. Ihr Hab und Gut landete auf offenen Transportern, die zugewiesene Bleibe bestand aus kleinen Wohnungen oder Reihenhäuschen in gesichtslosen, nach „Rassen“ getrennten Vorstadtvierteln. Doch die Bänder nach Protea Village rissen nie ganz ab. Denn die Arbeitsplätze, namentlich im nahen, nationalen botanischen Garten Kirstenbosch und an der Universität, blieben erhalten. So pendelten viele in langen Busfahrten und Fussmärschen zur Arbeit. Unter ihnen fand sich auch Kevins Grossmutter. Sie leitete die Teeküche an der Uni. Seine Mutter war federführend dabei, als die ehemaligen Bewohner von Protea Village sich zusammentaten, um die 1995 gesetzlich garantierte Rückgabe des gestohlenen Landes einzufordern. Sie starb 1999, und ihr Sohn Kevin übernahm deren Rolle. Er würde es wieder tun, auch wenn er damals nicht geahnt hätte, dass es eine so lange Reise werden sollte. Es wurde 2006, als im Rahmen eines Vergleiches 43 Prozent des ehemaligen Siedlungsgebietes zurückgegeben wurden. Der Rest war längst überbaut worden, und der kleine Teil, auf dem die drei erwähnen Wohnhäuser stehen geblieben sind, gehört dem botanischen Garten Kristenbosch, an dessen Aufbau und Unterhalt viele Gemeindemitglieder über Jahrzehnte mitgewirkt hatten. 46 Familien hatten dabei eine – sehr schäbige – finanzielle Entschädigung akzeptiert und verzichteten auf ihren Gebietsanspruch. 86 Familien beharrten darauf und setzten sich durch.
Man hätte annehmen können, dass die Behörden Wiederaufbauhilfe leisten. Schliesslich war die Siedlung ja abgerissen worden. Doch weit gefehlt. Der Staat hatte seine Schuldigkeit getan. Und die rückkehrwilligen Familien von Protea Village fanden sich in einem parkähnlichen, von einer Durchgangsstrasse durchzogenen Wald wieder, der längst zum beliebten Naherholungsgebiet geworden war. Und so galt es, gleich mehrere Baustellen parallel zu bewirtschaften: Erschliessung, Finanzierung, Bauplanung und ökologische Ausgleichsflächen auf einer Grossbaustelle. So entstand ein ganzes Konsortium von beratenden und ausführenden Firmen, die die 86 Familien dabei unterstützten, zu ihrem Recht zu kommen. Die wesentliche Finanzquelle sind die bis zu 1000 Quadratmeter grossen 41 Grundstücke, die verkauft werden. Ein Villenviertel wird entstehen. Die Reihenhäuser für die Rückkehrerinnen und Rückkehrer werden wesentlich kleiner ausfallen. 2028 sollen die ersten, 2030 die letzten einziehen. „Wir hatten nichts, was wir unseren Nachkommen hinterlassen konnten. Jetzt hinterlassen wir ihnen ein auch unserer Geschichte würdiges Erbe“, meinte einer der Vertriebenen. Den Abschluss hat er nicht mehr erlebt. Er starb 2021. In den Sternen steht, bei aller Zuversicht, ob es gelingen wird, das Gemeinschaftsgefühl, das über so viele Jahrzehnte getragen hat, in die Zukunft zu tragen. Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer verpflichten sich, die Häuser während zehn Jahren nicht zu verkaufen. Es wird auch ein soziales Experiment. Es sind farbige Menschen, die zurückkehren in ein fast ausschliesslich von Menschen mit weisser Hautfarbe bewohntes, wohlhabendes Quartier. Kevin Maxwell mag nichts schönreden. Südafrikas Gesellschaft ist auch über drei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid entlang der ehemaligen Rassengrenzen, die längst auch soziale sind, gespalten. Aber man habe über Jahre gute Kontakte zu den lokalen Einwohnervereinen aufgebaut und sehe sich von diesen getragen und unterstützt. „Und ich sehe, wie unsere jungen Leute auf dem Gelände ihre Parties feiern, mehr und mehr zusammen mit den jungen Nachbarn aus der Umgebung. Sie sind alle unbelastet. Sie sind die Zukunft.“
 
Kevin Maxwell dürfte sich noch öfters die Augen reiben, dass es gelungen ist. Der ehemalige Brigadier des städtischen Polizeikorps sieht über den unmittelbaren Horizont der nun gelingenden Rückkehr hinweg. „Protea Village ist einmalig in Südafrika. Nirgends sonst ist die Rückkehr von Vertriebenen auf städtisches Gebiet gelungen. Wir haben bewiesen, dass es möglich ist. Wir haben Gerechtigkeit geschaffen.“

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