Mit dem Buch «Gerechtigkeit schaffen ohne Waffen» gehen wir an verschiedenen Schauplätzen der Frage nach, wie Friede nicht nur geschlossen, sondern dauerhaft bewahrt werden kann. Der Schlüssel dazu hat einen Namen: Gerechtigkeit. Mit diesem Blog teilen wir unsere Gedanken, Recherchen und Erkenntnisse.

Bertha von Suttner (1843 – 1914)
„Die Waffen nieder! – sag’s vielen – vielen!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich die 71-jährige Bertha von Suttner auf ihrem Sterbebett von der Welt. Der Friedensaktivist Alfred Hermann Fried hat sie aufgezeichnet. In seinem Nachruf schreibt er, ihr sei es gelungen, «eine geistige Sphäre zu schaffen», in der aus einer Utopie eine «mächtige Weltbewegung» geworden sei: die Friedensbewegung.
„Die Waffen nieder!“ war der Titel ihres autobiographisch gefärbten Romans, der Bertha von Suttner 1889 schlagartig bekannt gemacht hatte. Das Buch traf einen Nerv einer von Krisen und Kriegen geprägten Zeit. Die Erzählfigur, die adlige Martha Althaus, wandelt sich, geprägt durch eigene, sehr drastisch geschilderte Erfahrungen des Schreckens des Krieges, von der passiven Beobachterin zur engagierten Gegnerin. Als Frau verweigert sie sich damit dem Patriarchat, das dem weiblichen Geschlecht eine duldende, helfende Rolle zuweist, im Übrigen aber Krieg und Frieden als Männersache erachtet. Als Aktivistin fordert sie einen Staat heraus, der Krieg nicht nur als legitimes Mittel der Konfliktlösung erachtet, sondern diesen auch noch mit gewaltigem Pathos überhöht. Man denke nur an den bis heute an Neujahrskonzerten gerne gespielten Radetzky-Marsch, mit dem 1848 ein Sieg im Krieg gegen eine italienische Armee gefeiert worden war.
Von Suttner beschränkte sich in ihrem pazifistischen Roman nicht darauf, das Klagelied auf die Verheerungen des Krieges anzustimmen. Ihre Heldin sieht in Schiedsgerichten, Abrüstung und internationaler Verständigung den Schlüssel für gewaltfreie Konfliktlösungen. So beschreibt sie eine Pariser Friedenskonferenz als „noch nie dagewesenes Ereignis“, an dem die Delegierten „die Einsetzung eines Zustandes der Gerechtigkeit und Gesetzlichkeit an Stelle des Gewaltzustandes“ beschlossen hätten. Als Aktivistin wird sie den Rest ihres Lebens dafür Lobbyarbeit leisten. «Die Waffen nieder!» wurde in 16 Sprachen übersetzt. Die britische Germanistin Barbara Burns, die das Buch in englischer Sprache neu aufgelegt hat, sieht in dieser enormen Verbreitung das grosse Vermächtnis von Suttners. Denn sie habe damit ein breites Publikum aus der Mittelschicht sensibilisiert und ermächtigt, das Schicksal von Nationen und der Welt nicht einfach den Herrschenden zu überlassen.
Mit dem Roman begann das zweite Leben einer Frau aus dem Hochadel des Habsburgerreiches, die durch eine harte Schule aus Abweisung und Abwertung gegangen war. Gleich zwei vermeintliche Traumprinzen liessen sie, weil sie von niederem Stande war, sitzen. Ihre Mutter war aus demselben Grund nach dem Tod des Vaters mit einer Abfindung aus der Familie der Schwiegereltern verstossen worden. Sie verspielte das verbliebene Geld in den Casinos europäischer Kurorte. Auf deren Heiratsmärkten löste sich auch Berthas Traum eines Lebens an der Seite eines Mannes aus hohem Hause in Luft auf. Nun war sie auf sich alleine gestellt. Sie war begabt, beherrschte vier Sprachen, und sie war selbstbewusst genug, das Heft in die eigene Hand zu nehmen. So fand sie 1873 mit 30 Jahren eine Stellung als Gouvernante und Lehrerin bei der Familie von Suttner. Sie betreute in einem Märchenschloss vier Mädchen im Teenageralter. Nach und nach hatte sie nur noch Augen für den jüngsten der drei Söhne, den 23-jährigen Arthur Gundaccar von Suttner – und er für sie. Und nochmals machte der Standesdünkel einen Strich durch die Rechnung zweier Liebender. Arthurs Mutter komplimentierte sie aus dem Haus und drückte ihr ein Stelleninserat in die Hand. Sie sollte weit weg. Ein gewisser Alfred Nobel suchte eine Privatsekretärin in Paris. Er war einer der reichsten Männer Europas. Sein Geld verdiente er mit einem Sprengstoff, der die Welt veränderte: Dynamit. Entwickelt für friedliche Zwecke in Minen, Steinbrüchen und auf Baustellen, hatten die Militärs die gewaltige Sprengkraft des im Dynamit enthaltenen Nitroglyzerins schon bald für ihre Zwecke entdeckt. Nobel war sich dessen sehr bewusst. Es wurde sein unerfüllter Lebenstraum, eine Waffe zu entwickeln, die so schrecklich war, dass keine Armee der Welt es wagen würde, sie einzusetzen, aus Angst, sie könnte auch gegen sie gerichtet werden. Mitte des 20. Jahrhunderts sollte im Zeitalter der Atombombe dieses bis heute sehr prekäre Gleichgewicht des Schreckens Wirklichkeit werden. Der ewige Friede lässt weiter auf sich warten. Bertha von Suttner traf 1876 auf einen belesenen, kultivierten und nachdenklichen Alfred Nobel. «Mit ihm über Welt und Menschen, über Kunst und Leben, über die Probleme von Zeit und Ewigkeit zu reden, war ein geistiger Hochgenuß», schreibt sie in ihren Memoiren. Nobels Avancen wies sie ab. Sie blieben bis an sein Lebensende freundschaftlich verbunden. Denn beide liess die Frage, wie Kriege abgeschafft werden könnten, nicht mehr los.
Bertha von Suttner blieb nur ein paar Tage bei Nobel. Ihr Liebeskummer war gross. Jener von Arthur auch. Eine Depesche aus Wien erreichte sie. Sie war von Arthur. «Kann ohne dich nicht leben.» Von Suttner verkaufte einen wertvollen Diamanten, hinterliess eine Nachricht an Nobel, der im Ausland weilte, zahlte die Hotelrechnung und reiste zu Arthur. Sie heirateten heimlich und blieben zeitlebens zusammen. Das Paar, Arthur galt nun seinerseits in seiner Familie als Verstossener, folgte dem Ruf einer georgischen Prinzessin und zog für neun Jahre nach Georgien. Sie liess die beiden nie ganz im Stich. Und doch mussten sie sich ein eigenes Leben aufbauen. Arthur spielte auf vielen Bühnen und schaffte sich einen Namen als – ungelernter – Architekt. Auch als Journalist tat er sich hervor. Bertha, die gerne Dichterin geworden, begann selber journalistische und essayistische Texte zu schreiben. Sie kamen in der Wiener Presse gut an.
1887, sie hatte eben ihr Buch „Das Maschinenzeitalter“ beendet, erzählt ihr ein Freund von der „International Peace and Arbitration Association“ in London, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein internationales Schiedsgericht zu schaffen, das bei zwischenstaatlichen Konflikten angerufen werden könnte, um Kriege zu vermeiden. Sie ist begeistert und beschliesst, der „Friedensliga einen Dienst“ zu leisten, wie sie in ihren Memoiren schreibt. Es sollte ein Buch sein, in der Form eines Romanes, weil damit nicht nur „abstrakte Verstandesgründe“, sondern auch das, „was ich fühlte – leidenschaftlich fühlte“, dargestellt werden könnte. Sie recherchierte mehrere Monate, stöberte in Archiven, liess sich von Betroffenen Kriegserlebnisse erzählen und studierte die Berichte von Militärärzten und Kriegskorrespondenten. „Während dieser Studienzeit wuchs mein Abscheu vor dem Kriege bis zur schmerzlichsten Intensität heran.“ Das kommt bei den Zeitungsredaktionen, denen sie einen Abdruck anbietet, nicht gut an. Es sei „ganz ausgeschlossen, dass der Roman in einem Militärstaat veröffentlicht wird“, heisst es in einer Absage. So beschliesst sie die Veröffentlichung in Buchform. Ihr Verleger befürchtet rechtliche Konsequenzen. Er rät ihr, den Text „einem Staatsmann“ zur Begutachtung vorzulegen, um alles „Anstössige“ zu streichen. Von Suttner ist empört. Ihre Arbeit sei „heiss empfunden und rückhaltlos aufrichtig“. Sie lasse sich diese nicht „auf diplomatisch-opportunistische Weise“ zurechtstutzen, nur um „der verächtlichsten aller Künste – nämlich der Kunst, es allen recht zu machen“, gerecht zu werden. Sie setzt sich durch. Das Buch erscheint und wird ein Welterfolg. Alfred Nobel schreibt ihr am 1. April 1890: „Wie lange haben Sie gebraucht, um dieses Wunderwerk zu verfassen? Das werden Sie mir sagen, wenn ich die Ehre und das Glück habe, Ihnen die Hand zu schütteln – diese Hand einer Amazone, die so tapfer gegen den Krieg kämpft. Sie haben jedoch Unrecht, wenn Sie „Weg mit den Waffen“ rufen, da Sie selbst davon Gebrauch machen und da Ihre Waffen – der Charme Ihres Stils und die Größe Ihrer Ideen – weit mehr bewirken als die Lébel, Nordenfelt, de Bange und alle anderen Werkzeuge der Hölle (gemeint sind damit Waffensysteme der damaligen Zeit, der Autor).“
Bertha von Suttner hat ihre Berufung gefunden. Sie wird zur Aktivistin für die Sache des Friedens – und zu einer der wichtigen Stimmen der Friedensbewegung. Diese sucht, ganz anders als im späten 20. Jahrhundert, den Weg durch die Institutionen. Von Suttner tritt als Rednerin auf internationalen Friedenskongressen auf, sie ist Mitbegründerin der österreichischen und deutschen Friedensgesellschaften, und die leidenschaftliche Briefeschreiberin steht im vielsprachigen Kontakt mit Politikern, Staatsmännern, Denkern und Aktivisten – es sind fast ausschliesslich Männer. Diese Überzeugungsarbeit trägt Früchte. An den Haager Friedenskonferenzen der Jahre 1899 und 1907 werden Anliegen der Friedensbewegung, namentlich die Einsetzung eines internationalen Schiedsgerichtes, aufgegriffen und umgesetzt. Das Kernanliegen Abrüstung bleibt bis auf das Verbot einiger besonders tödlicher Waffen unberührt. Niemand ist ernsthaft dazu bereit.
Am 10. Dezember 1896 stirbt Alfred Nobel. Fast sein ganzes Vermögen vermacht er einem Fonds, aus dessen Erträgen jährlich Preise in verschiedenen Disziplinen verliehen werden sollen. Neben Chemie, Physik, Medizin sind das Literatur – und Frieden. Die Nobelpreise sind geboren. Den Gedanken, einen Friedenspreis zu vergeben, hatte er schon länger mit sich herumgetragen und mit Bertha von Suttner diskutiert. Er dachte an eine Auszeichnung, die im Vierjahres-Rhythmus verliehen werden sollte. Von Suttner entgegnete, das bringe der Friedensbewegung wenig. Denn es mangle am meisten an einem: Geld. Diesen Wunsch erfüllt Nobel auch in seinem Testament nicht. Aber er hinterlässt eine wichtige Botschaft, schreibt von Suttner: »Da hast du einen Stoff,« sprach der lebende Nobel zur Mitwelt, »mit dem du alles und dich selber vernichten kannst …,« der tote Nobel aber zwingt unseren Blick zu jenem Stern empor und spricht zur Nachwelt: »Veredle dich und du wirst glücklich sein.« Von Suttner wird als erste Frau 1905 mit dem Friedens-Nobelpreis geehrt. In ihrer Rede richtet sie, die unermüdliche Aktivistin, einen Appell an die Frauen: „Ihr denkenden, ihr arbeitenden, ihr solidarisch vereinten, ihr kämpfenden Frauen: stärket das Pazifistenheer!“
Bertha von Suttner war durch und durch eine Persönlichkeit des „langen 19. Jahrhunderts“, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm die Epoche der Zeit von der französischen Revolution 1789 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschrieb. Sie war von adeliger Herkunft und wandelte sich zur Vorkämpferin für den Frieden. Ihren Wurzeln blieb sie dennoch treu. Und vielleicht war das das einzige Versäumnis in ihrem reichen, aktivistischen Leben: Die Arbeiterklasse blieb ihr fremd. Man stelle sich die Wucht eines Schulterschlusses zwischen jenen, die die Waffen in den Fabriken herstellten, und der adelig-bürgerlichen Aktivistin vor.
Eine Woche nach ihrem Tod wird am 28. Juni 1914 das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar in Sarajevo ermordet. Nur einen Monat später versinken Europa und die halbe Welt im mörderischsten Krieg der Geschichte. Wie Schlafwandler hätten sich die Führer der Welt in diesen Ersten Weltkrieg treiben lassen, schreibt der Historiker Christopher Clark. Vergessen waren die Friedensdialoge, vergessen die Warnungen vor der mörderischen Gewalt der neuen Waffen, die zu einem Patt an den Fronten führten – und zum Massensterben einer ganzen Männer-Generation.
Bertha von Suttner hätte als eine von wenigen ihre Stimme auch im Ersten Weltkrieg erhoben und sich nicht von den Kriegstreibern auf allen Seiten vereinnahmen lassen. Ihre Themen bleiben so aktuell wie zu ihrer Zeit.
Das lange Warten auf ein Gespräch mit einem Verantwortlichen von Protea Village hatte ein kurzes Ende – siehe Blogeintrag „Südafrikanische Impressionen.“ Zwei Whats App – Nachrichten, ein Terminvorschlag, und am nächsten Tag treffe ich vor dem Eingang eines Verkaufsbüros, in dem es um viele Millionen südafrikanische Rand geht, auf Kevin Maxwell. Die Begrüssung ist sehr freundlich.

Man spricht sich, wie es hier üblich ist, mit Vornamen an. Kevin betont gleich zu Beginn, er werde sich die Zeit nehmen, die es brauche, um meine Fragen zu beantworten. So ist das von mir wegen der langen Warterei und einigen unbeantworteten Anfragen befürchtete Eis gleich gebrochen. Der 62-jährige war bis 2024 Vorsitzender der „Protea Village Communal Property Association“, der gemeinschaftlichen Grundeigentümer-Vereinigung Protea Village. Er trat zurück, um Interessenskonflikte auszuschliessen, die hätten entstehen können, weil er in einem weiteren Gremium der Gemeinschaft Einsitz nahm. Mit dem sperrigen Begriff werden in Südafrika jene Gruppierungen erfasst, die Land, das ihnen vom Staat weggenommen wurde, zurückerhalten. Er steht in seiner komplizierten Formulierung auch für ein ausserordentliche komplexes, hindernisreiches Verfahren, das im Falle von Protea Village fast so lange dauerte wie das erzwungene Asyl. Das steht in einem sehr harten Kontrast zu den Federstrichen, mit denen ab den späten 1950er- bis in die frühen 1970er-Jahre über das Schicksal von über 200 Familien entschieden wurde, die hier seit fünf Generationen gesiedelt hatten. Sie wurden in alle Winde der neu entstandenen „Coloured Townships“ rund um Kapstadt verstreut. Die hübschen Steinhäuschen im Stil britischer Cottages wurden abgerissen, sämtliche Spuren, auch die amtlichen Dokumente, verwischt. Noch nicht einmal die Fundamente finden sich heute auf dem Areal, das nun, nach der Rückgabe, wieder überbaut wird. Erhalten geblieben sind nur drei der ehemaligen Wohnhäuser und die Kirche. Im mittleren Gebäude soll durch den Verkauf von Teilen des zurück gegebenen Land als Baugrund an Wohlhabende das Geld reinkommen, das für den teilweisen Wiederaufbau des zerstörten Dorfes gebraucht wird.
Kevin Maxwell kann sich an die Vertreibung nicht mehr erinnern. Er war vier Jahre alt, als die Familie abgeholt wurde. Wenn überhaupt, wurden die Betroffenen nur kurz vor ihrer Umsiedlung informiert. Ihr Hab und Gut landete auf offenen Transportern, die zugewiesene Bleibe bestand aus kleinen Wohnungen oder Reihenhäuschen in gesichtslosen, nach „Rassen“ getrennten Vorstadtvierteln. Doch die Bänder nach Protea Village rissen nie ganz ab. Denn die Arbeitsplätze, namentlich im nahen, nationalen botanischen Garten Kirstenbosch und an der Universität, blieben erhalten. So pendelten viele in langen Busfahrten und Fussmärschen zur Arbeit. Unter ihnen fand sich auch Kevins Grossmutter. Sie leitete die Teeküche an der Uni. Seine Mutter war federführend dabei, als die ehemaligen Bewohner von Protea Village sich zusammentaten, um die 1995 gesetzlich garantierte Rückgabe des gestohlenen Landes einzufordern. Sie starb 1999, und ihr Sohn Kevin übernahm deren Rolle. Er würde es wieder tun, auch wenn er damals nicht geahnt hätte, dass es eine so lange Reise werden sollte. Es wurde 2006, als im Rahmen eines Vergleiches 43 Prozent des ehemaligen Siedlungsgebietes zurückgegeben wurden. Der Rest war längst überbaut worden, und der kleine Teil, auf dem die drei erwähnen Wohnhäuser stehen geblieben sind, gehört dem botanischen Garten Kristenbosch, an dessen Aufbau und Unterhalt viele Gemeindemitglieder über Jahrzehnte mitgewirkt hatten. 46 Familien hatten dabei eine – sehr schäbige – finanzielle Entschädigung akzeptiert und verzichteten auf ihren Gebietsanspruch. 86 Familien beharrten darauf und setzten sich durch.
Man hätte annehmen können, dass die Behörden Wiederaufbauhilfe leisten. Schliesslich war die Siedlung ja abgerissen worden. Doch weit gefehlt. Der Staat hatte seine Schuldigkeit getan. Und die rückkehrwilligen Familien von Protea Village fanden sich in einem parkähnlichen, von einer Durchgangsstrasse durchzogenen Wald wieder, der längst zum beliebten Naherholungsgebiet geworden war. Und so galt es, gleich mehrere Baustellen parallel zu bewirtschaften: Erschliessung, Finanzierung, Bauplanung und ökologische Ausgleichsflächen auf einer Grossbaustelle. So entstand ein ganzes Konsortium von beratenden und ausführenden Firmen, die die 86 Familien dabei unterstützten, zu ihrem Recht zu kommen. Die wesentliche Finanzquelle sind die bis zu 1000 Quadratmeter grossen 41 Grundstücke, die verkauft werden. Ein Villenviertel wird entstehen. Die Reihenhäuser für die Rückkehrerinnen und Rückkehrer werden wesentlich kleiner ausfallen. 2028 sollen die ersten, 2030 die letzten einziehen. „Wir hatten nichts, was wir unseren Nachkommen hinterlassen konnten. Jetzt hinterlassen wir ihnen ein auch unserer Geschichte würdiges Erbe“, meinte einer der Vertriebenen. Den Abschluss hat er nicht mehr erlebt. Er starb 2021. In den Sternen steht, bei aller Zuversicht, ob es gelingen wird, das Gemeinschaftsgefühl, das über so viele Jahrzehnte getragen hat, in die Zukunft zu tragen. Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer verpflichten sich, die Häuser während zehn Jahren nicht zu verkaufen. Es wird auch ein soziales Experiment. Es sind farbige Menschen, die zurückkehren in ein fast ausschliesslich von Menschen mit weisser Hautfarbe bewohntes, wohlhabendes Quartier. Kevin Maxwell mag nichts schönreden. Südafrikas Gesellschaft ist auch über drei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid entlang der ehemaligen Rassengrenzen, die längst auch soziale sind, gespalten. Aber man habe über Jahre gute Kontakte zu den lokalen Einwohnervereinen aufgebaut und sehe sich von diesen getragen und unterstützt. „Und ich sehe, wie unsere jungen Leute auf dem Gelände ihre Parties feiern, mehr und mehr zusammen mit den jungen Nachbarn aus der Umgebung. Sie sind alle unbelastet. Sie sind die Zukunft.“
Kevin Maxwell dürfte sich noch öfters die Augen reiben, dass es gelungen ist. Der ehemalige Brigadier des städtischen Polizeikorps sieht über den unmittelbaren Horizont der nun gelingenden Rückkehr hinweg. „Protea Village ist einmalig in Südafrika. Nirgends sonst ist die Rückkehr von Vertriebenen auf städtisches Gebiet gelungen. Wir haben bewiesen, dass es möglich ist. Wir haben Gerechtigkeit geschaffen.“

Costa Rica war für Jugendliche, die im Kalten Krieg aufgewachsen sind, immer die beste Ausgabe einer Bananenrepublik oder vielmehr: Viele kamen sich vor, also würden sie selber in einer Bananenrepublik leben, wenn sie ihr Heimatland mit dem mittelamerikanischen Staat verglichen.
Fakt ist: Costa Rica ist mit einem Weltmarktanteil von über 10 Prozent der zweitgrösste Bananenexporteur. Fakt ist auch: Costa Rica kann sich seit 76 Jahren gegen keine kriegerischen Angriffe militärisch verteidigen. Die Armee wurde 1949 abgeschafft. Kein Wunder: Wer sich Costa Ricas Flagge genau anschaut, erkennt darin eine doppelte französische Fahne. Eine Hommage an die französische Revolution deren bürgerliche Werte bis heute nachhallen. Bereits in der ersten Verfassung 1824 wurde das Recht und die Pflicht auf Schulbildung festgeschrieben. In der Schweiz war dies 50 Jahre später der Fall. Das Geld, das durch die Abschaffung der Armee eingespart wird, kommt seither vollumfänglich der Bildung und dem Gesundheitswesen zu. Mit acht Prozent vom Bruttoinlandprodukt gibt Costa Rica im weltweiten Vergleich viel Geld für Bildung aus. Das Land mit mehr als fünf Millionen Einwohnern steht mit einer Alphabetisierungsrate von 98 Prozent deutlich besser da als etwa die USA. Die Menschen haben eine hohe Lebenserwartung und sind glücklich. Dies belegt der vom Gallup-Institut regelmässig erhobene World Happiness Report. Covid 19 hat hier weit weniger Schaden angerichtet als in den Nachbarländern, weil das Land ein gut funktionierendes Gesundheitssystem hat.
Doch zurück zum Thema Land ohne Armee und was eine Neutralität dann bedeutet.
«Frieden bedeutet nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern deren gewaltfreie Lösung. Drohungen und Gewalt zu verwenden, um „den Frieden zu wahren“ ist weit davon entfernt, ein echter Friedenszustand zu sein. Einerseits ist eine Drohung nur effektiv, solange sie die andere Partei abschreckt – und der sogenannte Frieden endet in der Minute, in der diese Abschreckung nicht länger glaubwürdig ist. Andererseits ist das Fehlen von offensichtlicher Gewalt nicht notwendig Frieden, wenn es Spannungen gibt. Gewalt besteht fort, solange Menschen unter einer konstanten Drohung oder Angst leben. Wie könnte es also mit einer militärischen Struktur anders sein, wenn deren bloßer Daseinszweck darin besteht, dauerhaft Stärke zu zeigen? Obwohl die Demilitarisierung viele Herausforderungen mit sich bringt, macht es einen enormen Unterschied für den Kurs aus, den das Land über die folgenden Jahrzehnte hinweg eingeschlagen hat. Costa Rica ist lebender Beweis dafür, dass Sicherheit nicht notwendigerweise durch Militär gewährleistet wird. Wenn wir einmal darüber nachdenken, wie viele Konflikte durch Militarismus erst entstanden sind und fortgesetzt wurden, ist das Militär nicht wirklich eine schützende Kraft vor Bedrohungen, sondern könnte wahrscheinlich eher selbst eine Bedrohung sein», schrieb Carlos Umaña, Arzt, Künstler und weltweiter Aktivist im Kampf gegen Atomwaffen. Er sagt auch: «Zivilisiertheit und Rechtsstaatlichkeit werden immer wichtiger in einer Welt, die sich immer weiter miteinander vernetzt und wo Herrschaft durch Gewalt immer irrelevanter wird. Der Fortschritt der Menschheit liegt in Bildung, Kooperation und Gleichberechtigung. Wenn wir unsere zwei existenziellen und menschengemachten Bedrohungen überleben wollen – Klimawandel und Atomwaffen – ist es notwendig, dass wir Frieden ernstnehmen und ihm eine Chance geben.» Das ist mehr als nur ein Friedensvotum im luftleeren Raum. Im Vergleich zur ambivalenten Neutralität der Schweiz oder Österreich, wo Waffenproduzenten für ihre Lieferungen kräftig lobbyieren und die Neutralität immer wieder ritzen. Waffenbesitz ist nicht verboten, aber die Produktion von Teilen, die zur Herstellung von chemischen, biologischen oder atomaren Waffen dienen sehr wohl. Und diesbezüglich ist Costa Rica streng und der oberste Gerichtshof streng.

Wie man als Land ohne Armee gut leben kann, belegen einige weitere Zahlen. Über 50 Prozent der 51’000 Quadratkilometer Landesfläche sind bewaldet, über 25 Prozent haben den hohen Schutzstatus von Nationalsparks. 95 des Stromes kommen aus erneuerbaren Quellen und ja, es gab auch ernsthafte Konflikte. Zum Beispiel Grenzstreitigkeiten mit dem Nachbarn Nicaragua. Sie wurden vor friedlich vor dem internationalen Gerichtshof zugunsten Costa Ricas gelöst.
Die Geschichte könnte hier enden, aber leise schleichen sich die internationalen Drogenclans ins Land, die Korruption verbreitet sich, Unsicherheit und Angst ebenso. Zeit also zu reflektieren, was alles gut gegangen ist, was für eine modellhafte Erfolgsgeschichte man geschrieben hat. Irrtum. Es wird nicht reflektiert, man findet kaum jemanden, der sich überlegt, was nun getan werden muss, um weiterhin auf dem richtigen Geleise zu fahren. Die Friedfertigkeit scheint derart in die DNA der Einwohner übergegangen zu sein, dass es an Wachsamkeit mangelt Deshalb ruft Luis Roberto Zamora Bolaños, Jurist, Strafrechtsanwalt, Vorstandsmitglied der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms und zur Zeit an der Universität Helsinki tätig, schon fast etwas verzweifelt aus: «Wir halten mit unserer Friedfertigkeit, unserem Land ohne Armee, einen grossen Schatz in der Hand. Die ganze Welt beneidet uns. Aber wir merken nicht, dass dieser Schatz wie ein Baum gegossen und gepflegt werden muss, damit er blüht.»


30 Jahre haben die in den 1950er- und 1960er-Jahren aus rassischen Gründen vertriebenen Einwohner von „Protea Village“ in Kapstadt auf die Rückgabe ihres Landes gewartet. Sie sind die Nachkommen ehemaliger Sklaven. Nun ist es soweit.
Im «Protea Village» im Bezirk «Bishopscourt» in Kapstadt sind die Bagger auf einem weitläufigen, vom Fluss Liesbeek durchzogenen Gelände aufgefahren. Es ist eine grüne Oase in diesem dicht bebauten, fast ausschliesslich von wohlhabenden weissen Familien bewohnten Gebiet. Das war nicht immer so. Bis in die späten 1950er-Jahre lebten hier die Nachfahren ehemaliger Sklaven, die sich nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 hier angesiedelt hatten. Dann wurden sie ab 1957 vom rassistischen Apartheid-Regime binnen eines Jahrzehnts nach und nach vertrieben. Es musste sich wie die Vertreibung aus dem Paradies angefühlt haben. Die Wohnhäuser wurden bis auf ganz wenige Ausnahmen niedergerissen. Verschont wurde die Kirche. Sie wurde über Jahrzehnte zum Bindeglied der in alle Winde verstreuten Dorfgemeinschaft.
Der «Group Areas Act» von 1957 legalisierte mit dem Argument auch räumlich strikter «Rassentrennung» diese erzwungene Umsiedlung. Es war eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Apartheid. Überbaut wurde das Gelände damals nicht. Das ändert sich nun, drei Generationen später. 86 Familien kehren nach und nach zurück in eine noch zu bauende Reihenhaussiedlung. Weitere 46 Familien liessen sich finanziell entschädigen. Sie nehmen damit ein nach dem Ende der Apartheid 1994 in der Verfassung garantiertes Recht in Anspruch. Es verspricht eine Rückgabe von Land, dass aufgrund rassistischer Gesetze enteignet worden war, oder eine finanzielle Wiedergutmachung. Es war ein Akt der Gerechtigkeit. Doch es war ein Kraftakt. Die Rassisten hatten kaum Spuren hinterlassen. Die Beweisführung lief fast ausschliesslich auf Basis von mündlichen Quellen, den Erinnerungen der ehemaligen Bewohner von Protea Village. 2006 war es im Rahmen eines Vergleichs soweit. 43 Prozent des ursprünglich beanspruchten Landes wurden an die Dorgemeinschaft überschrieben. 2011 wurde eine Einsprache von Anwohnern abgewiesen, die das Areal unter Naturschutz stellen wollten. Doch nun wurd eine schwerfällige Verwaltungsmaschinerie in Gang gesetzt, parallel dazu lief die Planung für ein Grossprojekt. Alleine die Umweltverträglichkeitsprüfungen dauerten mehrere Jahre. Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer werden nur ein knappes Drittel des 12,3 Hektaren umfassenden Geländes für ihre Wohnzwecke beanspruchen. Einen weiteren, etwas grösseren Teil haben sie als Bauland ausgewiesen. Es wird für sehr gutes Geld – die Bodenpreise sind rekordhoch – an Wohlhabende verkauft wird. Damit finanzieren sie im Wesentlichen ihre eigene Reihenhaussiedlung. Es sind auf den Visualisierungen hübsch anzusehende, weiss gestrichene Kuben. Der Rest, rund ein Drittel der Fläche, wird teilweise renaturiert und für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.
Ich hätte gerne mit den Familien gesprochen, sie gebeten, mir ihre Geschichte zu erzählen, sie gefragt, wie sich diese Rückkehr – es ist ja eigentlich die Rückkehr der Enkel-Generation – für sie anfühlt. Die mündliche Zusage war da. Dann hiess es, man bitte um Geduld, und die Menschen seien müde, immer dieselbe Geschichte erzählen zu müssen.
Ich sitze auf der Wartebank, mit der Frage im Kopf, wie Gerechtigkeit in einem Land geschaffen wird, in dem mit Methoden des «Racial Engineering» eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft aufgebaut werden sollte, in der «weiss» ganz oben und «schwarz» ganz unten stand.

Ein grosser Humanist: Rodolfo Olgiati (1905 – 1986)
Wir würdigen in diesem Buch neun Personen und Organisationen, die Gerechtigkeit und Frieden geschaffen haben. Rodolfo Olgiati ist einer von ihnen.
Zwei Jahre besuchte meine jüngste Tochter in Wien den «Kindergarten Schweizerspende» am Rande des Auer-Welsbach-Parkes in Sichtweite des Schlosses Schönbrunn. «Schweizerspende»? Noch nie gehört. Kurz darauf stiess ich im Rahmen der Recherchen für das Buch «Kinder auf der Flucht» im Sozialarchiv in Zürich auf den Nachlass von Rodolfo Olgiati (1905 – 1986) und dessen erschütternde Berichte aus den kriegszerstörten Städten Europas. Olgiati hatte sie als Leiter der «Schweizerspende» verfasst, einem vom Staat orchestrierten, aber finanziell ganz wesentlich aus der Bevölkerung gespiesenen Hilfsprogramm zur Linderung der Not im Europa der Nachkriegszeit. Aus diesen Mitteln, es waren nach heutigem Geldwert rund eine Milliarde Franken, wurde auch der Kindergarten Schweizerspende finanziert. Olgiati hatte mein Interesse wegen seines Engagements im Spanischen Bürgerkrieg geweckt, als er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter mit der ausschliesslich aus Spenden finanzierten «Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder» zahlreiche Kinder aus dem umkämpften Madrid evakuierten und mit einer ganzen Kette von Suppenküchen elementare Nothilfe leisteten. Nach und nach spannte sich der weite Bogen eines Lebens auf, das Olgiati zu einem der grossen Schweizer Humanisten des 20. Jahrhunderts machte. Für ihn griff die reine Nothilfe viel zu kurz. Denn sie droht keine Probleme zu lösen, sondern diese gar noch zu zementieren, weil immer die Gefahr besteht, dass die, die helfen, sich zurücklehnen und dabei vergessen, dass es doch auch darum geht, die Not zu verhindern. Es ist der Punkt, an dem Gerechtigkeit geschaffen wird. So wurde Olgiati zu einem der Väter der Entwicklungszusammenarbeit. Dass ein Menschenleben zur Verwirklichung einer gerechten Welt nicht ausreicht, war ihm immer bewusst. «Aber wer sein Leben diesem Streben widmet, erreicht das Bestmögliche,» schrieb er 1975. Einer seiner Zeitgenossen, Hansjörg Braunschweig (1930 – 1999) meinte in einem Nachruf. «Weil Hoffnung heute so rar geworden ist, wollte ich an Rodolfo Olgiati erinnern.»
Sein Leben würde ich gerne in einem weiteren Buch erzählen.

Nein, Nein und nochmals Nein: Die Direktorin des altehrwürdigen Gymnasiums in Mostar verweigerte jedes Gespräch und auch einen Schulbesuch. Befehl von ganz oben. Und schon ist man mittendrin in den ungelösten Konflikten eines Landes, das seit drei Jahrzehnten den Frieden auf Basis eines faulen Kompromisses übt. Am Gymnasium wird dennoch die Zukunft erprobt. Nicht von oben, sondern von unten. Ein Recherchebericht.
Kantone gibt es nicht nur In der Schweiz. Auch Bosnien-Herzegowina kennt sie. Internationale Friedensvermittler hatten während des Bürgerkrieges in den Jahren 1992 – 1994 den Plan entwickelt, das tief zerrissene Land in Kantone aufzuteilen, die jeweils mit grosser Autonomie sich selbst regieren sollten. Niemand hatte eine bessere Idee. Und so kam es auf Druck der Amerikaner zum Dayton-Abkommen mit einer wohl klingenden, von den Kriegsparteien und Vertretern internationaler Organisationen unterzeichneten Verfassung. Dabei ist es bis heute geblieben. Ein besonderes heikles Thema war die Bildung gewesen. Man überliess sie den Kantonen, wo kaum jemand bereit war, seine Kinder die Schulbänke mit Kindern einer verfeindeten Ethnie zu teilen. Der Begriff „Ethnie“ war damals aufgekommen, um in einem weitgehend säkularisierten Land Menschen voneinander zu trennen, die bis auf Kleinigkeiten sich in der gleichen Sprache unterhielten, aber einer anderen Religion angehörten. In Städten wie Mostar waren es Nachbarn, die aufeinander schossen. So kam es zu getrennten Lehrplänen und getrennten Schulhäusern. Im Kanton Herzegowina-Neretva mit der Hauptstadt Mostar wagte man einige Jahre nach Kriegsende ein Experiment: Zwei Schulen unter einem Dach, mit einer gemeinsamen Verwaltung, aber nach Sprachen getrennten Klassen, gedacht als erster Schritt zu einer Wiedervereinigung der Schulen. Denn inzwischen war die „Muttersprache“ als Unterscheidungsmerkmal festgelegt worden. Dabei sind die Unterschiede zwischen bosnisch, kroatisch oder serbisch marginal. Das altehrwürdige, von den österreichisch-ungarischen Besatzern 1897 erbaute und nach dem Bürgerkrieg mit internationalem Geld wieder aufgebaute Gymnasium wurde zum Symbol dieses Willens, den Neuanfang zu wagen. Das war ein grosser Schritt in einer euphorischen Zeit. Dieser Prozess ist ins Stocken geraten. Auf den politischen Bühnen wird nur noch der Stillstand verwaltet. Das muss man wissen, um die harsche Reaktion der Schuldirektorin zu verstehen, als ich ihr gegenüber sass. Wochenlang waren meine Anfragen unbeantwortet geblieben. Sie hatte eine Übersetzerin organisiert, um mir unmissverständlich mitzuteilen, dass sie mir nicht erlauben werde, mit ihr oder mit Lehrern und Jugendlichen zu sprechen. Sie sprach von Schutz und einer ministeriellen Anordnung, die nach einem Vorfall erlassen wurde, bei dem ein kroatischer Jugendlicher mit rassistischen Ausfällen in einem Radiobeitrag einen Skandal ausgelöst hatte. Er sei am Gymnasium unterrichtet worden. Eine Recherche zeigte danach, dass dieser Jugendliche 2015 im Rahmen einer Serie von Radio Free Europe, einem von den Amerikanern finanzierten Sender, zur Stimmung in der bosnischen-herzegowinischen Jugend zitiert worden war. Allerdings war er an einem anderen Gymnasium. An den Pranger gestellt wurde der Sender, während niemand in der Stadt sich ans eigentliche Thema, den nach wie tobenden Krieg in den Köpfen, wagen wollte. Da war der Entscheid, gleich keine Journalisten mehr zuzulassen, nur konsequent: Auseinandersetzung sollte es, wenn überhaupt, nur hinter den Kulissen geben. Doch nicht alle sehen das am Gymnasium so. Die Direktorin verabschiedet sich mit einem Seufzer. Sie sei froh, bald in Pension zu gehen. Die so streng wirkende Frau wird von ihrer Kollegin Leila Juklo als sehr herzlicher Mensch beschrieben. Die Zusammenarbeit sei problemlos. Das ist kein Widerspruch. Die kroatische Direktorin folgt nur peinlich genau der Linie der von der kroatischen Partei HDZ vorgegebenen Schulpolitik. Die HDZ besetzt die wichtigen Posten im Bildungs-Ministerium, während die muslimische SDA die Oppositionsbank drückt. Und diese Politik sieht keinen Millimeter Spielraum vor, nicht nur, wenn es um Journalisten geht, die kritisch berichten könnten, sondern auch im Schulalltag.
Zwei Schulen unter einem Dach. Mehr auf keinen Fall. Der 21-jährige Dzan Dilberovic kann ein Lied davon singen. Er war von 2018 bis 2020 am Gymnasium. Mit Freunden hätte er gerne im Musikraum geprobt. Der kroatische Musiklehrer verweigerte den Schlüssel. Dilberovic ist Muslim. Und die strikte Trennung der Ethnien gilt sogar für den Musikunterricht. Der Fall ging in die Presse. Erst dann hatte er ein Einsehen. Lejla Juklo ist die stellvertretende Direktorin. Den Posten hat sie nur erhalten, weil sie Muslima ist. So will es die Regel. Das Gymnasium bevölkern zwei Schulen unter einem Dach. Es wird aber gemeinsam verwaltet. Und dazu gehört, dass die administrativen Führungspositionen abwechselnd von der jeweils anderen Ethnie besetzt werden. Juklo mag es gar nicht, auf ihren Glauben reduziert zu werden. Sie sei bosnische Staatsbürgerin. Dennoch wäre sie die designierte Nachfolgerin der bald pensionierten Direktorin. Sie zögert. Ihr fehle der Kontakt zu den Jugendlichen. Noch unterrichtet die Lehrerin der bosnischen Sprache ein paar Lektionen. Als Direktorin wäre es damit vorbei. Sie macht kein Hehl daraus, für wie absurd sie die Trennung der Klassen hält. Sicher, die Verfassung sehe es vor, dass jedes Kind in seiner Muttersprache unterrichtet werden. Daran wolle sie auch gar nicht rütteln. Auch bosnische Intellektuelle hatten in den 1990er-Jahren die Wiedereinführung der bosnischen Sprache verlangt, die einst als Vorlage für das Serbokroatische gedient hatte: die Nationalsprache des ehemaligen Jugoslawien. Doch im Schulalltag brauche es einfach mehr Toleranz. Ihr Zögern ist auch dem ständigen Aushandeln von Kompromissen mit der kroatischen Seite geschuldet,. Das kann mitunter bedeute, das man gemeinsam während der Projektwoche nach Kroatien reist, nur um dann getrennter Wege zu gehen. Jeder macht sein Ding. Manchmal fühle sie sich wie Don Quijote in seinem Kampf gegen Windmühlen. Mir kommt meine eigene Primarschulzeit in der st. gallischen Gemeinde Gossau in den frühen 1970er-Jahren Sinn. Es gab zwei Primarschulen, eine katholische und eine reformierte, und es gab die praktisch allein herrschende Christlich-Demokratische Volkspartei. Sie besetzte acht von neun Sitzen im Gemeinderat. Die Zeiten des Kulturkampfes, der vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert zwischen Liberalen und Konservativen getobt hatte und schliesslich in eine Machtteilung, die sogenannte Konkordanz mündete, waren eigentlich vorbei. Doch in Gossau war das anders. Die Primarschulen blieben bis 1977getrennt. Es gab nur die derben Fäkalwitze über die andere Konfession, die von Generation zu Generation weiterverbreitet worden waren. Und tatsächlich kann ich mich nicht erinnern, ausserhalb der Schule je einem katholischen Kind begegnet zu sein – mit Ausnahme des grossen Spielplatzes in der Siedlung, in der ich aufgewachsen bin. Die migrantischen Kinder aus Italien und Spanien in der Nachbarschaft waren sicherlich Katholiken. Doch das spielte überhaupt keine Rolle. Es wäre keinem eingefallen, den anderen zu fragen, welche Konfession er hat. Die Religion war Privatsache. Hundert Jahre oder vier Menschengeneration mussten verstreichen, bis in Gossau auch die letzten Kulturkämpfer ein Einsehen hatten und eine gemeinsame Primarschulgemeinde gründeten. Aus Kinderperspektive ist es in Bosnien-Herzegowina schon die vierte Generation, die sich in einer zementierten Welt zurechtfinden muss. Aus dieser Perspektive ist das Gymnasium Mostar ein Ort der Hoffnung, nicht nur, weil es gemeinsame Lektionen im Informatik-Unterricht gibt. Die Japaner, die den Computerraum finanziert hatten, bestanden darauf. Der Lehrer ist ein Serbe. Es sind die Schülerinnen und Schüler selbst, die, wie wir damals auf dem Spielplatz, die Regeln der Alten ignorieren. Der Kroate Armin und der Bosniake Luca spielen begeistert in einer Band an der Rockmusikschule in Mostar. Dort fragt niemand nach ihrer Ethnie oder ihrem Glauben. So wollten sie auch am Gymnasium eine Band gründen. Sie blitzten ab. So gibt es am Gymnasiums zwei Bands, die gelegentlich bei Schulanlässen gemeinsam auftreten, wohl auch, um den Schein zu wahren. Doch in Mostar gibt es auch mehrere Dutzend multiethnische Vereine und Organisationen. Sie sind der Tropfen, der den Stein höhlt.
Sajra, die 15-jährige Tochter von Lejla Jukic, ist nach den Sommerferien im Gymnasium eingetreten. Zuvor hat sie die Schulzeit, wie einst ich selbst bis zur 6. Klasse, ausschliesslich mit muslimischen Kindern verbracht. Im Sommer traf sie in einem Ferienprogramm für Jugendlich erstmals auf Kroaten, und ihr sei von Anfang klar gewesen: „Wir sind alle gleich.“ So hält sie es auch am Gymnasium. Ihr Freundeskreis hat sich erweitert. Ihr Vater kämpfte als 16-jährige im Krieg. Einmal verfehlte ihn die Kugel eines Scharfschützen um Haaresbreite. Natürlich könnte der Schütze der Vater eines Jugendlichen sein, dem sie an der Schule begegne. „Aber wir sind doch eine neue Generation, und wir alle haben eine zweite Chance verdient. Für uns geht es nicht mehr um Vergebung und Versöhnung. Denn wir tragen ja alle keine Schuld.“ Das mag angesichts der politischen Realität naiv anmuten. Dabei steckt eine grosse Weisheit darin: Es geht darum, die Zyklen der Gewalt, die die Menschen über Generationen gepeinigt haben, endlich zu durchbrechen. Ihre Mutter, die sich gerade mit den zwei Geographie-Lehrern darauf verständigt hat, gemeinsam Bäume zu pflanzen, meint nur, sie müsse in kleinen Schritten denken. „Aber ich bin sehr stolz, dass sich die Jugendlichen hier an der Schule begegnen und ihre Meinung ändern können.“ Ich erzähle Jasminka Bratic von Sajra. „Wenn das naiv ist, dann bin ich es auch.“ Die Anwältin engagiert sich seit bald drei Jahrzehnten für gemeinsame Schulen – bisher vergeblich. Manchmal komme ihr das alles vergeblich vor. Doch sie werde nicht aufgeben. „Ich bin und bleibe Idealistin.“ Und vielleicht ist es ja, wie im st. gallischen Kulturkampf, eine Jahrhundertaufgabe.









Die grossen Schlagzeilen machen die Kriege dieser Welt. Kommt es zum Friedensschluss, erlahmt das Interesse. Dabei beginnt damit erst die Friedensarbeit. Wie kann es gelingen, Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit auf Dauer zu schaffen? Wir gehen dieser Frage an verschiedenen Schauplätzen ehemaliger Kriege nach: Bosnien-Herzegowina, Costa Rica, Deutschland und Frankreich, Palästina und Israel, Südafrika, Kolumbien, Uganda, Nordirland und die Schweiz. Wir sprechen mit Friedensforschern, Politikerinnen, Aktivisten und den vom Krieg unmittelbar Betroffenen. Unsere Vermutung: Nur wer Gerechtigkeit schafft, schafft den wahren Frieden.
Mit diesem Blog geben wir Einblick in unsere Arbeit und unsere Gedanken.
Das ist unser Buchkonzept
Arbeitstitel: Gerechtigkeit schaffen ohne Waffen
Möglicher Untertitel: Elf Reportagen aus einer Welt, die den dauerhaften Frieden sucht
In Kürze:
Wir sind ein zweiköpfiges Team freier Journalisten. Der von uns mitbegründete Verein für nachhaltigen Journalismus strebt in einer zunehmend ausgedünnten Medienlandschaft die Vertiefung wichtiger, aber vernachlässigter Themen an. Nach Büchern zu Kindern auf der Flucht und moderner Sklaverei beschäftigen wir uns nun mit der Frage, wie dauerhafter Frieden gelingen kann und welche Rolle Gerechtigkeit in diesem Prozess spielt. Geplant sind Recherchereisen u. a. nach Uganda, Südafrika, Bosnien-Herzegowina und Nordirland, mit einem Fokus auf konkreten Beispielen wie der Reintegration ehemaliger Kindersoldaten oder der Rückgabe von Land an vertriebene Minderheiten. Das Buch erscheint im Verlag NZZ Libro. Die Recherchen werden auf einem Blog und auf Social Media (Tik-Tok, Instagram) dokumentiert, um primär ein jugendliches Publikum zu erreichen.
Einleitende Gedanken
Wie können Kriege beendet werden, wie kann es zu Verhandlungen kommen und Frieden geschlossen werden, wie kann dieser erhalten werden? Was ist ein gerechter Frieden? Und geht es zur Vermeidung von kriegerischen Konflikten nicht darum, Gerechtigkeit zu schaffen, in den Gesellschaften und zwischen Ländern und politischen Lagern? Ist Gerechtigkeit nicht die Voraussetzung für den Frieden? Diesen Fragen wollen wir in diesem Buch nachgehen.
Die Mehrheit der Konflikte endet ohne militärischen Sieg. Wer einem unterlegenen Gegner einen Diktatfrieden aufzwingt, schafft die Basis für Ungerechtigkeit. Das gilt etwa für die vielen Kolonialkriege in Afrika und Asien im 19. Jahrhundert oder den deutsch-französischen Krieg 1870/71. Kriege können mit permanent verlängerten Waffenstillständen enden oder in Konflikte mit niedriger Intensität überführt werden. Es gibt oft keinen klassischen Friedensvertrag, sondern Vereinbarungen, die dauernd gebrochen werden, wie etwa in Bosnien-Herzegowina mit dem Dayton-Abkommen. Es ist Frieden aus Erschöpfung, aber nicht aus Einsicht. Denn die wichtigste Basis für Frieden, die Gerechtigkeit, ist nicht hergestellt. Wirklicher Frieden wird eher durch ein zähes Ringen erreicht, in dem alles auf den Tisch kommen muss. Es geht um materielle und emotionale Gerechtigkeit, um das Anerkennen von Schuld. Wie es scheint, kann dieser Weg nicht abgekürzt werden. Und wie es scheint, muss auch um die Erhaltung von Frieden gerungen werden, indem immer wieder um Gerechtigkeit gerungen wird.
Der Versailler Vertrag ist der erste Vertag, der das frühere „Wohltätige Vergessen“, das nie funktionierte, ablöste und eine Form der Gerechtigkeitswiederherstellung verlangte, allerdings ganz im Sinne der Sieger, die unter dem Eindruck der enormen Schäden vor allem in Frankreich und den Benelux-Staaten gewaltige Reparationen verlangten und die Abrüstung einseitig nur von den Unterlegenen einforderten. Die deutsche Seite wiederum hatte, als es 1917 zu Friedensverhandlungen mit der damals neu gegründeten Sowjetunion gekommen war, einen «Siegfrieden» mit gewaltigen Gebietsabtretungen durchgesetzt: von Gerechtigkeit war in beiden Fällen keine Spur. Es war keine Konfliktlösung, sondern die Blaupause für dessen Fortsetzung im Zweiten Weltkrieg.
Grundlegende Voraussetzungen des menschlichen Zusammenlebens gelten auch für die Beziehung unter den Völkern und in Staaten, die von ungerechten System geprägt sind. Wie gelingt es, eigene Missetaten nicht zu verherrlichen, den eigenen Fanatismus zu dämpfen, seine eigene Radikalität zu stoppen, seine eigene Kompromisslosigkeit aufzuweichen, kurz: über den eigenen Schatten zu springen? Das gilt auch für die andere Seite, für das Verzeihen, Vergeben, für die Barmherzigkeit. Es gibt Rezepte, beispielsweise in Kolumbien, wo die Friedenverhandlungen mehr waren als ein Ausgleich zwischen bewaffneten Gruppen. Alle gesellschaftlichen Schichten wurden in den Verhandlungen beteiligt, alles kam auf den Tisch. Frauengruppen, Gewerkschaften, Bauern, Indigene und zivile Organisationen beteiligten sich. Es gab kein Tabu mehr. Das war vorbildlich, denn diese Verhandlungen gingen von einem positiven Menschenbild aus, das jedem Individuum Verantwortung gegenüber sich, der Gesellschaft und dem Staat zubilligt und ihr und ihm zutraut, zum Frieden beizutragen.
Die grundsätzlich wohlwollende Haltung gegenüber allen Beteiligten und der sehr stark ausgeweitete Verhandlungstisch bieten Raum, Gerechtigkeit und Frieden herzustellen. Eine Voraussetzung ist natürlich, Barmherzigkeit walten zu lassen. Dieses Vorgehen zeigt auch – wenn es langfristig Erfolg hat –, dass bei der Friedenssuche nach Konflikten oft zu kurz gedacht wird. Friede ist ein Zustand, der nur erreicht werden kann, wenn Gerechtigkeit hergestellt und bewahrt wird.
Wir stellen in diesem Buch die Fragen nach der Gerechtigkeit und dem gerechten Frieden in den Raum. Im Mittelpunkt stehen elf Reportagen aus Schauplätzen, wo, nach oft langjährigen Konflikten, Friedensverträge geschlossen wurden. Wir untersuchen dabei, inwieweit kleine und grosse Schritte dazu beitragen, eine Nachkriegswelt zu schaffen, in der eine Gerechtigkeit geschaffen wird, die einen dauerhaften Frieden gewährleisten kann. Gibt es vielleicht sogar ein Rezept dafür? Und welche Hindernisse stellen sich in den Weg? Die Fragen stellen sich, je nach dem Ort des Geschehens, mit etwas anderem Fokus, sodass ein Gesamtbild entstehen soll, dass es erlaubt, fundierte, nachvollziehbare und greifbare Antworten zu finden. Darauf gehen wir im Schlusskapitel ein, wo wir eine Synthese und eine Utopie wagen wollen, wie eine gerechte Welt geschaffen werden könnte.
Inhalt
Vorwort
Geplant ist ein Vorwort aus prominenter Feder, etwas UNO-Generalsekretär António Guterres oder Dan Smith, Direktor des Friedensforschungs-Instituts SIPRI in Stockholm. Die Abklärungen sind noch im Gang.
Einleitung
Was ist Frieden? Was ist Gerechtigkeit? Wir möchten diese Begriffe genauer fassen, mit Bezug auf Denkerinnen und Denker von der Antike bis in die Gegenwart, und wir gehen der Frage nach, ob es in der Geschichte je gelungen ist, einen gerechten Frieden zu schliessen. Dazu kommt eine Analyse der derzeitigen Herausforderungen für den Weltfrieden im Angesicht der sich abzeichnenden neuen Teilung der Welt.
Uganda: Reintegration von Kindersoldaten
66’000 Kinder sind in den Jahren 1986 bis 2006 im ugandischen Bürgerkrieg entführt worden, um als Kindersoldaten in den Krieg geschickt zu werden. Das Erlebte, all die traumatischen Erfahrungen, bleibt tabu, die in den Kriegsjahren zwangsweise erlernten Muster, Gehorsam, Duldsamkeit und Schweigen, werden zur Überlebensstrategie. Das führt viele in die Isolation, manche in den Selbstmord. Das japanische Hilfswerk Terra Renaissance unterstützt ehemalige Kindersoldaten mit Bildungsprogrammen und Berufsausbildung ihrem Weg in ein selbständiges Leben. Teil dieser Recherche sind auch die Erfahrungen mit dem traditionellen Gerichtsverfahren «Mato Oput» (wörtlich das Trinken einer bitter schmeckenden Flüssigkeit), das eine «wahre Heilung» durch Versöhnung ermöglichen soll. Die Recherche basiert auf dem Kapitel zu Kindersoldaten im Buch «Moderne Sklaverei».
Mostar, Bosnien-Herzegowina: Der unvollendete Friede.
In Mostar findet sich, umgeben von Ruinen aus der Zeit des Bürgerkrieges 1992 – 1995, in einem mit EU-Geldern wieder aufgebauten Gymnasium aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Herrschaft die einzige Mittelschule des Landes, an der alle Ethnien unterrichtet werden, allerdings getrennt. Das soll die kroatischen und bosnischen Jugendlichen in einer weitgehend geteilten Stadt, in der es noch nicht einmal eine gemeinsame Feuerwehr gibt, einander näher bringen, für eine gemeinsamere Zukunft.
Südafrika: Friede braucht Gerechtigkeit
In einer grünen Oase im wohlhabenden, weitgehend von Weissen besiedelten Kapstadter Stadtteil Bishopscort sind die Bagger aufgefahren. Der bei Joggern und Spaziergängerinnen beliebte Park wird weitgehend abgeholzt, um einer Siedlung Platz zu machen. Es ist ein Akt der Gerechtigkeit. Mit dem «Group Areas Act» von 1950 hatte das rassistische Apartheid-Regime die Rassentrennung auch geographisch durchgesetzt. 3,5 Millionen Menschen wurden umgesiedelt.
Mit der «Land Restitution Policy» gehen Landreformen und das Recht, in die ehemaligen Siedlungen zurückzukehren, einher. Ein langwieriger Prozess: In Bishopscourt dauerten die Rechtssteitigkeiten 20 Jahre. Nun entsteht in einem von Villen und Einfamilienhäusern dominierten Stadtteil eine Siedlung, in der farbige Familien der unteren Schichten einziehen werden. Das birgt einigen sozialen Sprengstoff, ist aber auch eine grosse Chance. Südafrika ist eines der ungleichsten Länder der Welt. Es ist dem African National Congress nicht gelungen, die von Nelson Mandela eingeleitete Versöhnung auch politisch umzusetzen. Mit der ersten Regierung seit dem Ende der Apartheid, die auch weisse und farbige Politikerinnen und Politiker einbindet, werden die Weichen neu gestellt. Im Vordergrund steht die Frage, wie eine gerechte Gesellschaft unter Gleichen geschaffen werden kann.
Nordirland: Gewaltfreie Konfliktlösung
Das Karfreitagsabkommen von 1998 hat nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges Frieden geschaffen und eine politische Struktur der geordneten Machtteilung zwischen katholischen Nationalisten und protestantischen Unionisten geschaffen. Damit wurde sogar die enorme Herausforderung des Brexit friedlich gemeistert. Politisch bleiben die Fronten verhärtet. Dennoch scheint die Gewalt gebannt. Die Kraft des Friedens ist stark. Es gibt viele Organisationen, die sich dafür engagieren.
Israel/Palästina: Neve Shalom, die Friedensinsel im Meer des Krieges
Jüdische und palästinensische Familien wollten zusammenleben und gründeten auf Initiative des Dominikanermönchs Bruno Hussar aus Jerusalem das Dorf „Neve Shalom“/“Wahat al-Salam“, die Oase oder Quelle des Friedens, wie der hebräisch/arabische Doppelname zu deutsch heisst. Das war in den 1970er Jahren. Bis 2012 ist das Dorf auf über 60 Familien angewachsen, mit gleicher Anzahl von Juden und Arabern. Geplant ist eine Einwohnerzahl von 140 Familien. Im Jahr 2018 hatte das Dorf 295 Einwohner. Neve Shalom hat bis heute viele Auszeichnungen erhalten. Trotz der immer schwieriger werdenden Situation in der Umgebung hält die Gemeinschaft. Wie schafft sie das?
Deutschland / Frankreich: Wie lebt die Jugend der beiden Nationen den Frieden zweier einstiger Todfeinde?
Rund 200’000 Jugendliche aus Deutschland und Frankreich beteiligen sich jährlich an den seit 1963 bestehenden Austauschprogrammen, mit steigender Tendenz. Anderseits nimmt das gegenseitige Interesse an der anderen Sprache ab. So hat Deutschland sechs der 11 Goethe-Institute in Frankreich geschlossen. Wir möchten unter Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Austauschprogrammen in Berlin und Paris herausfinden, wie die heutige Jugend den Frieden zwischen zwei einstigen Todfeinden lebt.
Kolumbien: Reintegration der FARC-Rebellen: Können aus Dschungel-Kämpfern Kaffeebauern werden?
Ein starkes Hoffnungssignal sendet Kolumbien aus. Das Land erlebte mit 52 Jahren den längsten Krieg der modernen Zeit. Es war ein Bürgerkrieg, der unversöhnliche Familien hinterliess. Bei den Friedensverhandlungen ging es nicht nur darum, dass Waffen niedergelegt wurden, sondern auch daran, dass für die ganze Gesellschaft Perspektiven entwickelt wurden. So gilt die einstige Drogenhochburg Medellin heute weltweit als Vorzeigestadt, was die gesellschaftliche Entwicklung, die Anpassung an den Klimawandel und die Partizipation der Bevölkerung an der infrastrukturellen Entwicklung betrifft. Am Friedensprozess in Kolumbien war die Schweizer Diplomatie aktiv beteiligt. Der Prozess ging ab 2012 über den Friedenvertrag 2016 hinaus, der Präsident Dos Santos den Friedensnobelpreis eintrug. Er hat vielerorts das Bewusstsein geändert, wie Konflikte zu lösen sind. Seit 2022 gibt es das „Gesetz des totalen Friedens“.
Costa Rica: Ein Land ohne Armee
Nur 22 Länder auf der Erde haben keine Armee. Das wohl Bekannteste darunter ist Costa Rica. Frühere Kasernen sind heute Museen.
Die Armee wurde bereits 1949 abgeschafft. Der Entscheid ging ausgerechnet von einem Militär aus. General Don José Figueres Ferrer gewann 1948 den letzten Bürgerkrieg. Es gibt immer wieder Versuche, diese Entmilitarisierung des mittelamerikanischen Landes zu diskreditieren, etwa mit der teilweise wahren Behauptung, die Polizei sei umso stärker aufgerüstet. Fakt ist aber auch: Das entmilitarisierte Land wirkt glaubwürdig. Der ehemalige Präsident Oscar Arias erhielt 1987 für sein Engagement in Mittelamerika gar den Friedens-Nobelpreis. Auffallend: Die Menschen in Costa Rica sind glücklicher, wohlhabender und die Kriminalität ist weitaus geringer als in sämtlichen Ländern der näheren und mittleren Entfernung. Das heisst, Costa Rica hat relativ gesehen eine gerechtere Gesellschaft, weil die Reichsten nicht einfach eine Armee als Leibgarde missbrauchen können.
Schweiz: Das friedlichste Land der Welt. Taugt das Vorbild?
In der Schweiz herrscht seit 1848, abgesehen von Militäreinsätzen gegen Demonstrierende, Frieden, in den grossen Kriegen bewahrte das Land seine Neutralität. Das über Jahrzehnte entwickelte direkt-demokratische Modell mit einem Zweikammersystem sorgt in einem Land mit vier Sprachen und recht unterschiedlichen Lebensweisen für politische Stabilität. Dieses System zeigt in Zeiten steigender Polarisierung mehr und mehr Risse, und es scheint, dass das einigende Band der gegenseitigen Kompromissbereitschaft unter dem Alles oder Nichts populistischer Kräfte zunehmend rissig wird. Wie meistert das friedlichste Land der Welt diese Herausforderung? Interessant in diesem Fall wäre der Versuch, sich dem Thema des inneren Friedens kombiniert mit der Gerechtigkeitsfrage zu widmen.
Wissenschaft für den Frieden.
Am 1964 von der schwedischen Regierung gegründeten Friedensforschungsinstitut SIPRI in Stockholm beschäftigen sich rund hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Frieden und Abrüstung. Man könnte ihr Wirken, gemessen an den ernüchternden Ergebnissen der jüngeren Vergangenheit, als Sysyphusarbeit beschreiben. Wie sieht die Forschung Gerechtigkeit und Frieden?
Die sich für den Frieden engagieren
Es gibt viele gute Gründe, sich für den Frieden engagieren. In diesem Kapitel möchten wir Menschen und Organisationen beschreiben, deren Engagement für den Frieden sie auszeichnet. Dabei gehen wird auch der Frage nach, was sie damit bewirkt haben bzw. bewirken. Wir unterscheiden sie in Friedensstifter und Praktiker.
Die Friedens- und Gerechtigkeitsstifter
• Politiker wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und Martin Luther King
• die von einem ehemaligen Bürgermeister der Stadt Hiroshima gegründete Vereinigung Bürgermeister für den Frieden, der in der Schweiz Städte wie Basel, Bern, Genf, Luzern oder Zürich angehören. Der Grund für die Initiative ist ein Stück weit Barmherzigkeit
• Friedensaktivisten wie Rodolfo Olgiati, der sein ganzes Leben der Arbeit für den Frieden widmete
Die Praktiker
• religiöse Gruppierungen wie die Quäker, die sich von der Abschaffung der Sklaverei bis zu aktuellem Engagement konsequent der Friedensarbeit verschreiben
• Pazifistinnen und Pazifisten, die sich dem Militärdienst verweigern oder, etwa bei den Peace Brigaden und dem zivilen Friedensdienst, in Konflikten durch ihre Präsenz eine Eskalation verhindern
• das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das oft unter schwierigsten Bedingungen Konfliktparteien an die Gebote des Völkerrechts erinnert
• Marcel Junod, der Zeuge des Schreckens des Krieges an verschiedenen Schauplätzen, vom spanischen Bürgerkrieg über die Konzentrationslager bis Hiroshima wurde und, schon völlig ausgebrannt, den Satz schrieb: Die da um Hilfe rufen, sind derer viele. Sie warten auf Euch.
Schlusskapitel: Gerechtigkeit schafft Frieden
Nur in einer gerechten Welt ist ein dauerhafter Frieden möglich. Wir möchten in diesem Schlusskapitel, basierend auf den Antworten aus den elf Reportagen, eigenen Überlegungen und Gesprächen mit Denkerinnen, Politikern, Aktivisten und vom Krieg betroffenen Menschen eine Art Blaupause (oder Utopie) für eine gerechte Gesellschaft, für eine gerechte Welt schaffen. Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin… Wie könnten wir soweit kommen? In diesem Schlusskapitel wollen wir aber das Thema auch wieder auf die persönliche Ebene brechen. Frieden beginnt mit einem Lächeln, Frieden beginnt bei mir, Frieden beginnt, wenn Erwartungen enden etc. sind mehr als nur Kalendersprüche. Denn wenn jeder Mensch sehr stark und sehr gefestigt in der Persönlichkeit ist, wird es für Manipulatoren sehr schwierig, Krieg vom Zaun zu reissen.

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